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01.10.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Betablocker, Kalziumantagonist, Digitalis

Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern: Wird die Mortalität reduziert?

Autor:
Peter Overbeck

Im Falle einer frequenzregulierenden Behandlung mit Betablockern oder Kalziumantagonisten ist das Sterberisiko von Patienten mit Vorhofflimmern niedriger als ohne entsprechend Behandlung. Diese in einer aktuellen Studie festgestellte Assoziation sagt allerdings nichts über die kausale Beziehung zwischen Therapie und Risikoreduktion aus.

Randomisierte kontrollierte Studien wie AFFIRM, in denen die Rhythmuskontrolle – also die Wiederherstellung und dauerhafte Stabilisierung von Sinusrhythmus – mit der Frequenzkontrolle in ihrer Wirksamkeit bei Vorhofflimmern verglichen worden waren, konnten wider Erwarten keine klinischen Vorteile der rhythmusstabilisierenden Strategie belegen. Auf Basis dieser Ergebnisse ist die Frequenzkontrolle – also das Belassen von Vorhofflimmern unter leitliniengerechter antithrombotischer Therapie – zur First-Line-Option bei bestimmten Patienten mit Vorhofflimmern avanciert.

Bei älteren asymptomatischen oder oligosymptomatischen Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern und hoher Ruhefrequenz ist die Frequenzkontrolle heute die Therapie der Wahl. Zum Einsatz kommen dabei negativ dromotrop wirksame Substanzen wie Betablocker, Kalziumantagonisten vom Verapamil- bzw. Diltiazem-Typ und Digitalis. Darüber, welchen Einfluss eine frequenzregulierende Behandlung mit diesen Substanzen auf die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität hat, ist mangels randomisierter kontrollierter Studien nichts bekannt.

Daten von mehr als 350.000 Patienten

Forscher aus Taiwan legen nun eine umfangreiche Untersuchung vor, in der sie die Mortalität bei Patienten mit Vorhofflimmern in Abhängigkeit von einer Frequenzkontrolle mit Betablockern, Kalziumantagonisten oder Digitalis-Präparaten analysiert haben. Dafür nutzte die Gruppe um Dr. Chern-En Chiang und Dr. Shih-Ann Chen vom Taipei Veterans General Hospital Daten aus einem nationalen Gesundheitsregister (National Health Insurance Research Database), in Taiwan, in dem nahezu alle Einwohner des Landes erfasst sind.

Anhand der Daten konnten im Zeitraum zwischen 1996 und 2011 insgesamt 354.649 Patienten mit diagnostiziertem Vorhofflimmern identifiziert werden, die zur Frequenzkontrolle entweder mit einem Betablocker (n=43.879) oder einem Kalziumantagonisten (n=18.466) oder mit Digoxin (n=38.898) behandelt worden waren. Patienten, die Kombinationen dieser Wirkstoffe erhalten hatten, blieben von der Analyse ausgeschlossen.

Endpunkt Mortalität

Referenzgruppe bildeten 168.678 Patienten, die aus welchen Gründen auch immer – die Gründe werden nicht genannt – keine frequenzkontrollierende Therapie erhalten hatten. Klinischer Endpunkt war die Mortalität, die Dauer der Nachbeobachtung betrug knapp fünf Jahre. Da keine Randomisierung in Interventions- und Kontrollgruppe erfolgt war, bedienten sich die Forscher statistischer Adjustierungs- und Matching-Verfahren (Propensity Score Matching), um bezüglich der Basischarakteristika vergleichbare Gruppen zu generieren.

Niedrigstes Risiko unter Betablockern

Im knapp fünfjährigen Untersuchungszeitraum war knapp ein Drittel (32,7 Prozent) aller identifizierten Patienten mit Vorhofflimmern gestorben. Im Vergleich zu Patienten ohne Frequenzkontrolle war die Mortalität in der mit Betablockern behandelten Gruppe relativ um 24 Prozent niedriger (Hazard Ratio: 0,76).

Auch in der Gruppe, die Kalziumantagonisten zur Frequenzregulierung erhalten hatten, war die Mortalitätsrate niedriger, wenn auch in diesem Fall nur um 7 Prozent (HR: 0,91). Die Behandlung mit Digoxin war dagegen mit einer relativ um 12 Prozent höheren Mortalität assoziiert (HR: 1,12).

Relevanz für die Praxis?

Unmittelbare Relevanz für die Praxis haben diese Ergebnisse sicher nicht. Als vertrauenswürdiger Beleg dafür, dass Betablocker und Kalziumantagonisten bei Frequenzkontrolle von prognostischem Vorteil sind und Digoxin ein Sicherheitsrisiko darstellt, ist die aktuelle Analyse nicht zu verstehen. Wie jeder retrospektiven Analyse von nicht auf Randomisierung basierenden Daten mangelt es ihr ungeachtet aller statistischen Adjustierungen an wissenschaftlicher Beweiskraft. Streng genommen müssten die aufgezeigten Unterschiede zwischen den Therapien nun in einer prospektiven randomisierten Studie mit dem Endpunkt Mortalität bestätigt werden. Die aber wird es wohl so schnell nicht geben.

Somit bleibt es dabei, dass die Auswahl der frequenzregulierenden Therapie auch weiterhin nach individuellen Gesichtspunkten erfolgen sollte. 

Literatur

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