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12.02.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Neuer Risikofaktor entdeckt

Grippeimpfung als Schutz vor Vorhofflimmern?

Autor:
Veronika Schlimpert

Als möglichen Risikofaktor für Vorhofflimmern haben taiwanesische Forscher das Influenzavirus ins Spiel gebracht. Ihrer Ansicht nach könnte die jährliche Grippeschutzimpfung deshalb gerade auch für Patienten mit hohem Risiko für Vorhofflimmern sinnvoll sein.

Es klingt schon verlockend, mit einer Grippeschutzimpfung sozusagen als positiven Nebeneffekt das Aufkommen von Vorhofflimmern zu reduzieren. Hinweise auf einen solchen Schutzeffekt hat aktuell eine große Beobachtungsstudie aus Taiwan geliefert. Demnach soll eine Influenzainfektion mit der Entwicklung von Vorhofflimmern assoziiert sein. Allerdings sind – wie häufig bei Beobachtungstudien – Zweifel hinsichtlich der Kausalität angebracht.

Insgesamt 11.374 Personen, die zwischen 2000 und 2010 an Vorhofflimmern erkrankt waren, haben die Wissenschaftler in einer taiwanesischen Datenbank ausfindig gemacht. Jedem Patienten (im Mittel 71 Jahre alt) ordneten sie vier auf Alter und Geschlecht „gematchte“ Kontrollpersonen ohne Vorhofflimmern zu und analysierten die Assoziation zwischen dem Auftreten von Vorhofflimmern und einer im vorherigen Jahr stattgehabten Grippeinfektion bzw. -impfung; adjustiert wurde auf Alter, Geschlecht, Komorbiditäten und Medikation.

Signifikant geringeres Risiko für Geimpfte

Geimpfte Personen, die nicht mit dem Influenzavirus infiziert worden waren, hatten ein signifikant um 12% geringeres Risiko, Vorhofflimmern zu entwickeln, als die Referenzgruppe, die weder eine Impfung noch eine Influenzainfektion hatte. Im Gegensatz dazu war das Risiko für Studienteilnehmer, die nicht geimpft und an Grippe erkrankt waren, um 18% signifikant erhöht. Die wenigen Studienteilnehmer, die zwar geimpft waren, aber trotzdem von einer Grippe heimgesucht wurden, wiesen dasselbe Vorhofflimmern-Risiko auf wie die Referenzgruppe.

Was lässt sich aus diesen Ergebnissen nun schlussfolgern? Die Studienautoren um Ting-Yung Chan aus Taipei meinen, darin einen Anhaltspunkt zu erkennen, dass eine Infektion mit dem Influenzavirus das Risiko für Vorhofflimmern erhöhen könnte. Sie führen diesen Zusammenhang zum einen auf inflammatorische Prozesse zurück, die durch die Virusinfektion ausgelöst werden.

Es gebe Hinweise, dass Entzündungsprozesse an der Pathogenese von Vorhofflimmern beteiligt seien, schreiben Chan und Kollegen. So sind TNF-alpha- und IL-6-Konzentrationen signifikant mit dem Durchmesser des linken Ventrikels und der Dauer des Vorhofflimmerns assoziiert. Zum anderen könnte das sympathische Nervensystem eine Rolle spielen. Ein Ungleichgewicht zwischen sympathischem und parasympathischem Nervensystem zugunsten des Sympathikus werde als Trigger für paroxysmales Vorhofflimmern vermutet, führen die Wissenschaftler aus, und als Reaktion auf eine Influenzainfektion werde der Sympathikus aktiviert. 

Grippeschutzimpfung für Hochrisikopatienten?

Die Grippeschutzimpfung könnte somit neben ihrer eigentlichen Aufgabe einen weiteren gesundheitlichen Nutzen bringen – den Schutz vor Vorhofflimmern. Nach Ansicht der Studienautoren sollten deshalb womöglich gerade Menschen mit hohem Risiko für Vorhofflimmern zu einer Grippeimpfung angehalten werden.

Über eine solche Empfehlung spekulieren auch Nishant Verma und Bradley Knight von der Northwestern Universität in Chicago in einem begleitenden Editorial. Eine Grippeimpfung sei kostengünstig und einfach zu realisieren, schreiben sie. Diese wird allerdings eh bereits für Personen ab 60 Jahren empfohlen – also in einem Alter, in dem die Vorhofflimmern-Prävalenz bekanntlich steigt. 

Bloße Spekulation

Verma und Knight weisen zudem auf einige Limitationen der Studie hin. So wurden einige personenspezifische Daten wie BMI, Rauchen oder echokardiografische Parameter nicht erfasst und daher bei der Adjustierung auch nicht berücksichtigt. Es könnte also sein, dass die geimpften Personen per se einfach gesünder oder Patienten mit hohem Vorhofflimmern-Risiko eher dazu geneigt waren, sich nicht impfen zu lassen. 

Zudem ist der Mechanismus zu hinterfragen, wie eine Influenzainfektion ein Jahr später noch Vorhofflimmern auslösen kann. Die vorliegenden Daten müssen somit erst noch durch prospektive Studien untermauert werden. Bis dahin bleibt der Zusammenhang zwischen Influenzainfektion und Auftreten von Vorhofflimmern wohl bloß spekulativ.

Literatur

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