Nachrichten 15.06.2020

Welches Antidiabetikum schützt das Herz am besten?

SGLT2-Inhibitoren wie GLP-1-Agonisten haben in Studien einen gewissen Herzschutz geboten. In einer Kohortenstudie wurden jetzt Effektivität und Kosten beider Medikamente miteinander verglichen – eine Substanz gewann mit minimalem Vorsprung.

SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten scheinen, was den Herzschutz betrifft, vergleichbar effektiv zu sein. Jedenfalls legt dies eine retrospektive Kohortenstudie mit über 10.000 Patienten nahe, die aktuell beim digital präsentierten Kongress der US-amerikanischen Diabetes-Gesellschaft (ADA) vorgestellt wurde.

Dass beide Substanzklassen in der Lage sind, kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern, hat sich bereits in früheren Studien gezeigt. US-Wissenschaftler um Dr. Insiya Poonawalla aus Louisville wollten nun wissen, welche Substanz diesbezüglich die Nase vorn hat. Mithilfe von Versichertendaten haben sie einen Vergleich angestellt.

Jeweils 5.507 Patienten, denen ein SGLT2-Inhibitor bzw. GLP-1-Agonist erstmalig verschrieben worden ist, wurden mithilfe eines Propensity-Score-Matchings gegenübergestellt, um sie in Bezug auf ihre Baseline-Charakteristika vergleichbar zu machen.

Vergleichbare kardiovaskuläre Wirkung

In der Cox-Regressionsanalyse stellte sich heraus, dass das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden oder zu versterben (kombinierter primärer Endpunkt) in beiden Gruppen vergleichbar war: bei 23% der mit GLP-1-Agonisten behandelten Patienten und bei 22,6% der Patienten mit SGLT2-Inhibitor-Therapie kam es zu einer entsprechenden Komplikation.

Bzgl. des sekundären Endpunkts – Herzinsuffizienz oder Tod – deutete sich zunächst ein Vorteil für die SGLT2-Hemmer an (17,9% vs. 20,0% mit GLP-1-Agonist; p=0,005). Dieser Überlegenheit sei hauptsächlich durch die geringere Herzinsuffizienz-Rate in der SGLT2-Hemmer-Gruppe bedingt (16,3% vs. 18,8%), berichtete Poonawalla in der ADA-Session, was die Wissenschaftlerin nicht überrascht: Denn die potenzielle Wirkung der SGLT2-Hemmer auf die Herzinsuffizienz-Entwicklung sei ja bereits in früheren Studien gezeigt worden. 

Stratifiziert man die Patienten nach ihren kardiovaskulären Vorerkrankungen, verschwindet dieser statistisch signifikante Vorteil jedoch wieder und beide Substanzen schneiden vergleichbar gut ab.

Bessere Adhärenz bei SGLT2-Inhibitoren

Offenkundige Unterschiede gab es bei der Adhärenz, die unter den SGLT2-Inhibitoren besser war als bei den GLP-1-Agonisten. Bei ersteren setzten 40,4% der Patienten die Therapie fort, mit den Inkretinmimetika traf das nur auf 36,1% zu (p˂0,001). Die Wahrscheinlichkeit für einen Therapieabbruch war bei den mit GLP-1-Agonisten behandelten Patienten relativ um 15% höher (p˂0,001). Und diese Patienten mussten auch signifikant öfter in der Notaufnahme behandelt werden (27,4% versus 23,5%; p˂0,001).

Ebenfalls die Nase vorn hatten die SGLT2-Inhibitoren mit Blick auf die Gesamtkosten (inkl. Kosten für die Medikation und für Behandlungen), die zumindest in den USA mit diesen Substanzen pro Person und Monat deutlich niedriger waren als bei einer Behandlung mit einem GLP-1-Agonisten (im Mittel: 1.617 $ vs. 1.796 $, p<0,001).

Praktische Konsequenz?

Aufgrund dieser Ergebnisse sieht Poonawalla für die SGLT2-Inhibitoren einen gewissen Vorteil, besonders dann, wenn das Herzinsuffizienz-Risiko einen wichtigen Aspekt darstelle, erläutert sie die praktischen Konsequenzen. Doch trotz dieser vermeintlichen Vorteile mahnt die Wissenschaftlerin zur Vorsicht: „Der potenzielle Nutzen von SGLT2-Inhibitoren sollten gegen die mit dieser Substanzklasse assoziierten Risiken für eine untere Beinamputation oder ein Fournier-Gangrän abgewogen werden“, rät sie.

Aber: Limitationen beachten

Vorsicht ist auch deshalb angebracht, weil es sich nur um eine retrospektive Analyse handelt, selbst wenn mit einem Propensity-Score-Matching versucht wurde, eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Etwa ist zu beachten, dass es bzgl. der kardiovaskulären Effektivität auch innerhalb der Substanzklasse Unterschiede gibt. Studien zufolge scheinen nämlich nicht alle GLP-1-Agonisten eine entsprechende Wirkung zu entfalten (mehr dazu lesen Sie hier). Und auch der durch SGLT2-Inhibitoren erzeugte Herzschutz beruht wohl eher nicht auf einen Klasseneffekt, wie jetzt die VERTIS-Studie nahelegt (dazu bald mehr).

Eine abschließende Aussage über die Vergleichbarkeit beider Substanzklassen lässt sich somit allein auf Basis dieser Studie sicherlich nicht treffen.

Literatur

Poonawalla A et al. Comparative Effectiveness of SGLT2 Inhibitors vs. GLP-1 Agonists; vorgestellt bei der American Diabetes Association's Virtual 80th Scientific Sessions am 12. Juni 2020; Abstract: 36-OR

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