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22.02.2017 | Herz und Gefäße | Nachrichten

Analyse über 25 Jahre

Ausgiebiger Alkoholkonsum lässt die Gefäße altern

Autor:
Veronika Schlimpert

Starker Alkoholkonsum scheint die Gefäßalterung zu beschleunigen. Dieser Zusammenhang zeigte sich in einer Studie, in der der Alkoholkonsum der Teilnehmer über 25 Jahre erfasst worden ist. Doch auch diese Analyse offenbart Unstimmigkeiten.

Es wird wohl zu einer unendlichen Geschichte – die Beziehung zwischen Alkohol und Herzgesundheit, der sich bereits in viel Forschungsarbeit zugewendet wurde. In einigen Studien ließ sich belegen, dass mäßiger Alkoholgenuss – also das Gläschen Rotwein am Tag – der Herzgesundheit zuträglich ist. In anderen Studien hingegen soll Alkohol in jeder Menge der Herzgesundheit geschadet haben.  

Moderater Konsum schützt vor Gefäßalterung

Nun bescheren Forscher um Darragh O’Neill von der Universität Cambridge der Wissenschaftswelt eine weitere Analyse zu dieser Fragestellung.  

Demnach soll starker Alkoholkonsum im Vergleich zu einem moderaten Genuss zu einer Beschleunigung der arteriellen Gefäßsteifigkeit beitragen und daher mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert sein. So lag die Pulswellengeschwindigkeit der Teilnehmer, die sich in den letzten 25 Jahren als starke Trinker klassifiziert haben (>112 g Ethanol/Woche), um 0,26 m/s signifikant höher als die der dauerhaft moderaten Konsumenten (1–112 g Ethanol/ Woche). Die standhaft Abstinenten wiesen wiederum eine  – jedoch nicht signifikante – um 0,30 m/s erhöhte Pulswellengeschwindigkeit auf.

Die Ursache hinter den scheinbar positiven Effekten eines moderaten Alkoholgenusses auf die Gefäßsteifigkeit könnte nach Ansicht der Studienautoren in einem Anstieg des HDL liegen. Bereits in früheren Untersuchungen habe sich ein solcher Zusammenhang ergeben, erläutern sie ihre Vermutung.

Warum altern Gefäße ehemaliger Trinker schneller?

Seltsam ist allerdings, dass die Gefäßsteifigkeit von dauerhaft starken Trinkern vier bis fünf Jahre später nicht stärker zugenommen hat als die der immerfort mäßigen Konsumenten. Nur bei ehemaligen Trinkern ließ sich im weiteren Verlauf eine signifikant erhöhte Pulswellengeschwindigkeit feststellen (plus 0,11 m/s). Wer also aufhört zu trinken, dessen Gefäße altern rascher?

Zu einer solchen Schlussfolgerung wollen sich die Wissenschaftler dann doch nicht hinreißen lassen und erklären sich diesen Befund mit dem sog. „sick-quitter“-Phänomen.  Sprich, ehemalige Trinker haben ihren Alkoholkonsum vielleicht deshalb eingeschränkt, weil es ihre Gesundheit nicht mehr zuließ, weiter zu trinken, und die beschleunigte Gefäßalterung ist somit auf deren allgemein schlechteren Gesundheitszustand zurückzuführen.

Keine weitere Zunahme der Gefäßalterung bei dauerhaftem Konsum

Warum aber blieb eine weitere Zunahme der Gefäßsteifigkeit bei den dauerhaft starken Trinkern aus? „Der Baseline-Effekt deutet darauf hin, dass die dauerhaft starken Trinker bereits in jungen Jahren eine deutlichere Veränderung der Pulswellengeschwindigkeit vollzogen haben, als es bei den anderen Trinktypen der Fall war“, erklären sich O’Neill und Kollegen sich diesen Befund.

Alle in dieser Analyse  gefundenen Zusammenhänge ließen sich im Übrigen nur für das männliche Geschlecht bestätigen. Bei den Frauen war nach Adjustierung auf BMI, Herzfrequenz, mittleren arteriellen Blutdruck, Diabetes, HDL- und Triglyzerid-Werten kein statistisch signifikanter Zusammenhang mehr feststellen. Allerdings waren Frauen gerade bei den dauerhaft starken Trinkern auch deutlich unterrepräsentiert.

Alkoholkonsum über 25 Jahre erfasst

Beachtlich an der Untersuchung von O’Neill et al. ist die akribische Erfassung des Alkoholkonsums der 3.869 Teilnehmer aus der Whitehall II Kohorte. Von 1985 bis 2010 wurde der Konsum in regelmäßigen Abständen erfragt und die Teilnehmer entsprechend kategorisiert; die Pulswellengeschwindigkeit wurde daraufhin in zwei Phasen (2007–9/2012–13) erfasst.

Trotz dieser methodischen Anstrengungen, die die Autoren unternommen haben, ist in dieser Studie wie auch bei allen anderen Beobachtungsstudien die Kausalität hinter dem gefundenen Zusammenhang infrage zu stellen. Wie die Wissenschaftler in der Veröffentlichung  selbst andeuten, könnten andere Faktoren dazu beigetragen haben wie eben der allgemeine Gesundheitszustand.  

Literatur