Nachrichten 20.05.2020

Blutungsrisiko unter Antikoagulation steigt bei niedrigem Blutdruck

Eine Antikoagulation birgt ein gewisses Blutungsrisiko. Einer aktuellen Analyse zufolge scheinen Patienten mit sehr niedrigem Blutdruck besonders gefährdet zu sein.

Die berühmte J-Kurve für den Zusammenhang zwischen systolischem bzw. diastolischem Blutdruck und kardiovaskulärem (CV) Risiko wurde viel beschrieben. Nicht nur steigt das CV-Risiko mit zunehmendem Blutdruck. Auch unterhalb einer gewissen Grenze geht die Ereignisrate wieder nach oben.

„The lower the better“ gilt daher bei der Blutdruckeinstellung jedenfalls nicht uneingeschränkt.

J-Kurve gilt auch für antikoagulierte Patienten

Doch ist das auch bei antikoagulierten Patienten so? Prof. Michael Böhm vom Universitätsklinikum des Saarlandes hat mit Kollegen jetzt eine Post-hoc-Auswertung der RE-LY-Studie veröffentlicht, die dieser Frage nachgeht. Die RE-LY-Studie war die Zulassungsstudie für das orale Antikoagulans Dabigatran, das bei der Indikation Vorhofflimmern gegen Vitamin-K-Antagonisten (VKA) antrat.

Die Auswertung zeigt, dass die J-Kurve im Großen und Ganzen auch bei antikoagulierten Patienten Bestand hat. So war die Gesamtsterblichkeit nicht nur bei Patienten mit einem systolischen Blutdruck > 140 mmHg, sondern auch bei Patienten mit einem systolischen Blutdruck < 120 mmHg im Vergleich zu Patienten im Referenzbereich (120–130 mmHg) erhöht.

Schlaganfälle und systemische Embolien (SSE) allerdings waren bei Patienten mit niedrigem systolischem Blutdruck nicht häufiger als bei einem systolischen Blutdruck im Referenzbereich. Oberhalb des Referenzbereichs stieg das SSE-Risiko erwartungsgemäß steil an.

Bei Blutdruck < 110 mmHg steigt das Blutungsrisiko

Schwere Blutungsereignisse wiederum waren bei einem systolischen Blutdruck von < 110 mmHg häufiger als bei einem systolischen Blutdruck im Referenzbereich. Bei erhöhten systolischen Blutdruckwerten waren schwere Blutungen dagegen nicht häufiger. Bei den diastolischen Blutdruckwerten waren die Trends jeweils analog.

Was die Dabigatran-Wirkung angeht, zeigt die Analyse, dass die Kernergebnisse der RE-LY Studie unabhängig vom Blutdruck sind: Dabigatran schützt im Vergleich zu Vitamin K-Antagonisten bei hoher Dosis vor SSE und bei niedriger Dosis vor schweren Blutungen. Dies gilt bei niedrigen, normalen und erhöhten Blutdruckwerten gleichermaßen.

Wichtige klinische Botschaft aus Sicht der Autoren ist, dass Patienten mit niedrigem Blutdruck offenbar ein erhöhtes Blutungsrisiko unter oraler Antikoagulation haben.

Literatur

Böhm M et al. Cardiovascular outcomes, bleeding risk, and achieved blood pressure in patients on long-term anticoagulation with the thrombin antagonist dabigatran or warfarin: data from the RE-LY trial. Eur Heart J 2020. 8. Mai 2020. Doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa247.

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