Nachrichten 27.12.2019

Schlafen Sie sich (herz)gesund!

Können wir unsere Gene durch Schlaf überlisten? Ein bisschen vielleicht. Zumindest ist das Herz-Kreislauf-Risiko in genetischen Hochrisikokonstellationen bei gesundem Schlafverhalten deutlich geringer – und umgekehrt.

Schon länger ist bekannt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Schlafmuster und kardiovaskulärem Risiko. So haben beispielsweise Schichtarbeiter ein höheres kardiovaskuläres Risiko als Menschen, die nicht im Schichtsystem arbeiten. Und Morgenmenschen haben zumindest in einigen Untersuchungen ein geringeres Risiko als Abendmenschen. Unklar ist bisher, ob das kausale Zusammenhänge sind oder nicht.

Auch der Zusammenhang zwischen genetischem Herz-Kreislauf-Risiko und Schlafverhalten sei bisher nie untersucht worden, betont Prof. Dr. Lu Qi, Direktor des Adipositas Forschungszentrums an der Tulane Universität in New Orleans. Qi hat das jetzt anhand der Daten von  knapp 400.000 initial gesunden Probanden untersucht, die an der genetisch-epidemiologischen UK Biobank-Kohorte teilnehmen.

Bei den Probanden wurde anhand von zahlreichen DNA-Abschnitten (SNP), die mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert sind, ein genetischer Risiko-Score ermittelt. Gleichzeitig wurde für die Studienteilnehmer anhand von Lebensqualitätsfragebögen ein „Healthy Sleep Score“ errechnet, der auf einer Skala von 0 bis 5 die Schlafqualität bewertet. Menschen, die einen „gesunden“ Score von 5 erreichen, sind Morgenmenschen ohne Tagesmüdigkeit und Schlafstörungen, die 7 bis 8 Stunden pro Nacht schlafen und nicht schnarchen.

Niedrigeres Risiko bei „optimalem“ Schlaf-Score

Nach im Mittel 8,5 Jahren hatten 7280 Studienteilnehmer entweder einen Schlaganfall erlitten oder eine koronare Herzerkrankung neu entwickelt. Dabei hatten Probanden mit einem „optimalen“ Schlaf-Score von 5 Punkten ein um rund ein Drittel niedrigeres Risiko für Schlaganfälle und ein ebenfalls um rund ein Drittel niedrigeres Risiko, eine koronare Herzerkrankung neu diagnostiziert zu bekommen. Umgerechnet bedeutet das Qi zufolge, dass etwa jedes zehnte kardiovaskuläre Ereignis in der Studienkohorte über das Schlafverhalten erklärbar ist, sofern ein ursächlicher Zusammenhang angenommen wird.

Die Wissenschaftler haben dann das kardiovaskuläre Risiko bei unterschiedlichen genetischen Risiken in Abhängigkeit vom Schlaf-Score berechnet. Und dabei konnten sie klar zeigen, dass das Herz-Kreislauf-Risiko genetisch belasteter Probanden bei gesundem Schlaf – definiert als Healthy Sleep Score von 5 – niedriger ist bzw. das Risiko genetisch günstig ausgestatteter Probanden bei ungesundem Schlafverhalten – definiert als Healthy Sleep Score von 0 oder 1 – höher ist als anhand des jeweiligen genetischen Risikos zu erwarten wäre.

Konkret war das KHK-Risiko genetisch belasteter und gleichzeitig ungesund schlafender Probanden zweieinhalb Mal so hoch wie bei genetisch gering belasteten und gesund schlafenden Probanden. Bei gesundem Schlafverhalten war das Risiko nur noch rund zweimal so hoch. Wer ein niedriges genetisches Risiko hatte und ungesund schlief, der hatte ein um immerhin 70 Prozent höheres KHK-Risiko. Mit anderen Worten: Genetisch unbelastete Menschen mit ungesundem Schlaf haben nur noch ein gering niedrigeres KHK-Risiko als genetisch belastete Personen, die gesund schlafen.

Ist der Zusammenhang kausaler Natur?

Die Gretchenfrage ist natürlich, ob Schlaf und kardiovaskuläre Ereignisse kausal zusammenhängen. Chronobiologen sind davon überzeugt, aber zweifelsfrei nachgewiesen ist das nicht, und die UK Biobank Studie beantwortet die Frage auch nicht. Denkbar wäre, dass bestimmte gesundheitliche Konstellationen oder auch unbekannte genetische Risiken vorliegen, die sowohl das kardiovaskuläre Risiko als auch das Schlafverhalten negativ beeinflussen. Die Wissenschaftler haben sich bemüht, diesen potenziellen Bias dadurch zu reduzieren, dass sie für eine ganze Reihe von Faktoren adjustiert haben, darunter Geschlecht, Ethnie, Alkohol, BMI, körperliche Aktivität und kardiovaskuläre Familienanamnese. Trotzdem bleibt ein Rest an Unsicherheit.


Literatur

Fan M et al. Sleep patterns, genetic susceptibility, and incident cardiovascular disease: a prospective study of 385292 UK biobank participants. Eur Heart J 2019; 18. Dezember 2019; doi: 10.1093/eurheartj/ehz849

European Society of Cardiology. Pressemeldung 18. Dezember 2019.