Nachrichten 23.01.2020

Thrombolyse bei akuter Lungenembolie in Deutschland suboptimal genutzt

In Deutschland könnten mehr Hochrisiko-Patienten mit akuter Lungenembolie als bisher von einer potenziell lebensrettenden Reperfusionstherapie mittels systemischer Thrombolyse profitieren, legen Ergebnisse einer umfangreichen Datenanalyse Mainzer Forscher nahe.

Zwei von Forschern am Centrum für Thrombose und Hämostase (CTH) und am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz initiierte und aktuell im „European Heart Journal“ publizierte Studien liefern neue Erkenntnisse in Fragen der Behandlung von Patienten mit akuter Lungenembolie.

In einer der beiden Studien ist das Forscherteam um PD Dr. Mareike Lankeit und Prof. Stavros Konstantinides der Frage nachgegangen, wie sich der Gebrauch der Thrombolyse bei hospitalisierten Patienten mit akuter Lungenembolie in Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts entwickelt hat und welche möglichen Veränderungen im klinischen Verlauf damit verbunden waren.

Eine Reperfusion durch Thrombolysetherapie wird heute bei Lungenembolie-Patienten mit Kreislaufinstabilität empfohlen. In den 2019 aktualisierten europäischen Lungenembolie-Leitlinien ist die intravenöse Thrombolyse als Notfallmaßnahme (recue thrombolytic therapy) bei hämodynamischer Verschlechterung sogar aufgewertet worden. Sie wird in der Neufassung der Guidelines nun mit einer nachdrücklicheren Klasse-1-Empfehlung (zuvor Klasse-IIa) bedacht.

Blick in den deutschen Versorgungsalltag

Wenig ist bisher darüber bekannt, wie die Thrombolyse bei Lungenembolie-Patienten im klinischen Versorgungsalltag an deutschen Kliniken genutzt wird? Um darüber mehr in Erfahrung zu bringen, haben die Mainzer Forscher auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen. Basis der Analyse bildeten Daten von  885.806 Patienten (zu 54,1% Frauen), die zwischen 2005 und 2015 wegen akuter Lungenembolie in Deutschland stationär behandelt worden waren.

Zwischen 2005 und 2015  nahm demnach hierzulande die Inzidenz der akuten Lungenembolie signifikant zu, und zwar von 85/100 000 auf 109/100 000 Einwohner/Jahr (p < 0,001]. Gegenläufig war erfreulicherweise der Trend bei der In-Hospital-Mortalität von Lungenembolie-Patienten: Sie nahm von 20,4% im Jahr 2005  auf 13,9%  im Jahr 2015 ab (p < 0,001).

Lysetherapie mit niedrigerer Mortalität assoziiert

Im selben Zeitraum erhöhte sich der Gesamtanteil an Lungenembolie-Patienten, die eine systemische Thrombolyse erhielten, von 3,1% im Jahr 2005 auf  4,4% im Jahr  2015 (p < 0,001]. Diese Reperfusionstherapie war bei hämodynamisch instabilen Patienten mit einer niedrigeren In-Hospital-Mortalität assoziiert. Davon schienen insbesondere Patienten mit Schock, bei denen keine kardiopulmonale Reanimation oder mechanische Beatmung erforderlich waren (Odds Ratio [OR] 0,42; p < 0,001), aber auch Patienten mit notwendiger Wiederbelebung  (OR 0,92;  p = 0,002) profitiert zu haben.

Allerdings könnte hier Potenzial für noch bessere Ergebnisse vorhanden sein. De facto hatten nämlich im Untersuchungszeitraum nur 25,6% aller hämodynamisch instabilen Patienten mit erforderlicher Reanimation und nur 14,6% aller Patienten mit Schock (ohne Reanimation oder mechanische Ventilation) eine systemische Thrombolyse erhalten. Insgesamt betrug der Anteil bei allen Patienten mit Kreislaufinstabilität nur 23,1%.

Eine häufigere Nutzung der Thrombolyse in Fällen ohne absolute Kontraindikation und insbesondere die Entwicklung von noch sichereren Optionen für eine Reperfusionstherapie könnten nach Ansicht der Mainzer Forscher dazu beitragen, die Überlebenschancen von Hochrisiko-Patienten mit akuten Lungenembolie weiter zu verbessern.

Sicherheit einer frühen Klinikentlassung bestätigt

In der aktuellen Ausgabe des „European Heart Journal“ ist nun auch die von derselben Arbeitsgruppe initiierte und geleitete HoT-PE (Home Treatment of Pulmonary Embolism)–Studie publiziert worden.  Kliniken in sieben europäischen Ländern hatten daran teilgenommen. Ihre Ergebnisse belegen Machbarkeit und Sicherheit einer frühen Entlassung und nachfolgenden ambulanten Versorgung von ausgewählten Low-Risk Patienten mit Lungenembolie, die zur Antikoagulation Rivaroxaban erhalten hatten.

Studienleiter Konstantinidis hat die Studie erstmals im Frühjahr 2019 beim ACC-Kongress in New Orleans vorgestellt (wir berichteten). Schon bei einer Zwischenanalyse der ersten 525 Patienten hatte sich gezeigt, dass die Rate für den primären Studienendpunkt (symptomatische oder tödliche neue Thrombose oder Lungenembolie innerhalb der ersten drei Monate) mit nur 0,6 Prozent  sehr niedrig war. Todesfälle infolge der Lungenembolie oder Antikoagulation wurden nicht beobachtet.

Somit bildeten frühe Klinikentlassung und ambulante Behandlung bei ausgewählten Lungenembolie-Patienten eine geeignete Strategie, mit der Ressourcen eingespart und Patienten unnötige stationäre Liegezeiten erspart werden könnten, schlussfolgern die Studienautoren.

Literatur

Barco S. et al.: Early discharge and home treatment of patients with low-risk pulmonary embolism with the oral factor Xa inhibitor rivaroxaban: an international multicentre single-arm clinical trial. European Heart Journal (2020) 41, 509–518.


Keller K. et al.: Trends in thrombolytic treatment and outcomes of acute pulmonary embolism in Germany. European Heart Journal (2020) 41, 522–529

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