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06.06.2018 | Herz und Sport | Nachrichten

Interview mit Prof. Jürgen Scharhag

„Intensiver Gesundheitssport verursacht kein Vorhofflimmern“

Autor:
Veronika Schlimpert
Interviewt wurde:
Prof. Dr. med. Jürgen Scharhag

Intensives Ausdauertraining ging in einer aktuellen randomisierten Studie mit keinem erhöhten Vorhofflimmern-Risiko einher. Bei Leistungssportlern sieht die Datenlage aber anders aus, betont Prof. Jürgen Scharhag. Im Interview klärt der Sportkardiologe aus München über verbreitete Fehlinterpretationen auf.

Herr Prof. Scharhag, wer intensiven Ausdauersport betreibt, muss nach der neuesten Studie von Opondo et al. (siehe Tabelle) wohl keine Angst haben, deshalb Vorhofflimmern zu entwickeln, oder?

Scharhag: Ja genau, ich würde das Studienergebnis so interpretieren, dass ein intensiver ausdauerorientierter Gesundheitssport in der Altersgruppe der 50-Jährigen kein Vorhofflimmern hervorruft. Aber wohl gemerkt: Der Beobachtungszeitraum in der aktuellen Studie betrug nur zehn Monate. Das ist natürlich zu kurz, um überhaupt einen Risikoanstieg erwarten zu können.

Trotzdem bin ich sehr glücklich über die aktuelle Untersuchung, denn nun führt uns eine prospektive  randomisierte Studie eindeutig vor Augen: Gesundheitssport ist unproblematisch! Wer dreimal die Woche Joggen geht, der hat im Alter sogar eher ein geringeres Vorhofflimmern-Risiko. Und: In einer kleinen Studie hat sich körperliche Aktivität bei Menschen, die bereits an Vorhofflimmern erkrankt waren, sogar positiv auf den Erkrankungsverlauf ausgewirkt. Durch 12 Wochen aerobes Intervalltraining sank die Vorhofflimmern-Dauer ab, in der Kontrollgruppe ohne Training stieg sie hingegen leicht an.

Fakten zur aktuellen Studie (Opondo et al. Circ Arrhythm Electrophysiol 2018)

57 bisher untrainierte Probanden mit einem mittleren Alter von 52 Jahren wurden randomisiert zu einem intensiven Ausdauertraining (bis zu 3-mal pro Woche plus Krafttraining) oder Yoga.

Nach 10 Monaten stieg die VO2max in der Ausdauertrainings-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe um 17% an (von anfänglich 30 ml/min/kg), das linksventrikuläre Volumen nahm um 15% und das enddiastolische Volumen um 16% zu.

Nach 10 Monaten konnte man in der Trainings-Gruppe keine rhythmologischen Veränderungen feststellen, die mit einem erhöhten Vorhofflimmern-Risiko in Verbindung stehen können. 


Doch in anderen Studien hat sich immer wieder ein Zusammenhang zwischen intensivem Ausdauertraining und Vorhofflimmern gezeigt. ..

Scharhag: Hier muss man aber eindeutig differenzieren zwischen Leistungssport und Gesundheitssport. In der aktuellen Studie haben die Probanden dreimal die Woche Ausdauersport und zusätzlich noch etwas Krafttraining betrieben. Hochleistungssportler trainieren 20 Stunden die Woche, manchmal 30 Stunden…

Also müssen Leistungssportler mit einem erhöhten Vorhofflimmern-Risiko rechnen?

Scharhag: Dass bei langjährigem, leistungssportlich betriebenem Ausdauersport das Vorhofflimmern-Risiko im mittleren und höheren Alter steigt, steht außer Frage! Die Datenlage ist ziemlich eindeutig, man kann von einem zwei- bis fünffach erhöhtem Risiko ausgehen, wobei ich eine Risikosteigerung um das Fünffache für etwas extrem halte. Aber wir reden von Menschen, die Leistungssport mit hohen Umfängen und Intensitäten über viele Jahre betrieben haben. Der 30-jährige Leistungssportler, der noch voll im Saft steht, der hat kein erhöhtes Risiko, zumindest gibt es dafür keine Evidenz. Das Risiko steigt erst ab einem Alter von 50, 60 Jahren.

In der Studie wird ein wenig suggeriert, dass es eine Schwelle gibt, ab der intensiver Sport Vorhofflimmern triggert…

Scharhag: Die gibt es nicht! Es wird immer wieder von dieser Schwelle gesprochen, aber ich halte das für Unsinn. Die Ursache für die Entstehung von Vorhofflimmern ist multifaktoriell, bei jedem Menschen wirkt sich Sport individuell aus. Wenn es so einfach wäre, könnten wir auch alle Sportler nach demselben Schema trainieren und alle werden Olympiasieger. Ob ein Sportler Vorhofflimmern entwickelt oder nicht, hängt unter anderem von der Morphologie seines linken Vorhofs ab, evtl. von der Anatomie seiner Pulmonalvenen, von der Leitungsaktivität bestimmter Ionenkanäle und und und ­ – und natürlich auch  von seinem Geschlecht, das Risiko besteht zwar auch bei Frauen, aber es ist anhand einer Untersuchung bei Teilnehmern des Vasa-Laufs möglicherweise bei Sportlerinnen geringer als bei Sportlern.

Die Probanden in der aktuellen Studie hatten zwar kein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern. Aber bereits nach zehn Monaten war eine eindeutige Vergrößerung des linken Ventrikels und eine Zunahme des enddiastolischen Volumens zu sehen. Hat Sie das überrascht?

Scharhag: Nein, überhaupt nicht! Die Probanden haben ja vorher überhaupt keinen Sport betrieben, das waren „Couch Potatoes“. Wenn man bei einem solch niedrigen Trainingsniveau beginnt – zu Studienbeginn lag die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) der Probanden im Mittel bei 30 ml/min/kg – adaptiert sich das Herz relativ schnell an die körperliche Aktivitätssteigerung.

Bei sportlicher Aktivität nimmt das Plasmavolumen zu, weil der Albuminanteil ansteigt und dies zu einer physiologischen Größenzunahme des Herzens führt, wenngleich es deshalb aber noch längst kein Sportherz ist.  Wenn Sie im Urlaub plötzlich viel Skifahren, merken Sie ja auch, dass die Hosen enger werden, weil am Oberschenkel Muskelmasse aufgebaut wurde. Warum sollte das am Herzen anders sein?

Schlangen entwickeln im Übrigen eine Hypertrophie am Herzen, wenn sie etwas gefressen haben. Eine solche physiologische Anpassung ist unproblematisch.

Und wie ist es zu erklären, dass solche mit Sport einhergehende Anpassungen am Herzen irgendwann pathologisch werden?

Scharhag: Bei intensivem langjährigem Ausdauersport kommt es zu einem atrialen Remodeling: Im rechten und linken Vorhof entstehen Fibrosierungen, die mRNA-Expression von Prokollagen steigt an, usw.. Schon eine harmonische Vergrößerung der Herzhöhlen, also das sog. Sportherz, birgt sicherlich ein gewisses Risiko, dass im Vorhof leichter kreisende Erregungen entstehen. Bei Sportlern ist es eher ein erhöhter Vagotonus, der möglicherweise über eine erhöhte fokale Aktivität im Bereich der Pulmonalvenen zu einem vagal getriggerten Vorhofflimmern führt.

Solche strukturellen Veränderungen am Herzen haben aber nichts damit zu tun, dass Menschen beim Sport plötzlich tot umfallen?

Scharhag: Der plötzliche Herztod beim Sport hat nichts mit Vorhofflimmern zu tun. Die Ursachen für einen plötzlichen Herztod bei jüngeren Sportlern sind meist angeborene Herzerkrankungen, die nicht bekannt waren. Bei den älteren Sportlern liegt in etwa 80% der Fälle eine koronare Herzerkrankung vor, von der der Sportler in der Regel nichts wusste.

Dass es im Wettkampfsport Doping-Fälle gibt, ist kein Geheimnis, gerade im Ausdauersport. Könnte das auch ein Grund für das erhöhte Vorhofflimmern-Risiko bei Leistungsportlern sein?

Scharhag: Einen potenziellen Substanzmissbrauch muss man bei Studien mit Leistungssportlern immer im Hinterkopf haben, so wie bei einer erst kürzlich publizierten Studie, in der sich bei ehemaligen American Football-Spielern im mittleren Alter von 56 Jahren ein erhöhtes Vorhofflimmern-Risiko gezeigt hatte. Es ist bekannt, dass in diesem Bereich auch gedopt wurde. Auf der anderen Seite darf man aufgrund der Doping-Problematik im Leistungssport keine vorschnellen Urteile fällen!  Ich würde keinem Leistungssportler, der Vorhofflimmern hat, unterstellen, dass er gedopt hat.

Literatur