Nachrichten 21.01.2022

Plötzlicher Herztod beim Sport: Zu häufig, aber Überlebenschance steigt

Präventionsbemühungen scheinen beim plötzlichen Herztod im Sport noch nicht richtig zu greifen. Dafür überleben mittlerweile dreimal so viele Betroffene wie noch Anfang der Nuller Jahre.

Der plötzliche Herzstillstand (Sudden Cardiac Arrest, SCA) und der plötzliche Herztod (Sudden Cardiac Death, SCD) betreffen in erster Linie ältere Menschen mit kardialer Vorerkrankung. Deutlich seltener sind SCA-assoziierte Todesfälle bei jüngeren Menschen, und die wiederum sind nicht selten mit starker sportlicher Aktivität assoziiert. 

Inzidenz bei Leistungssportlern

Es wird geschätzt, dass pro Jahr zwischen einem von 40.000 und einem von 80.000 Sportlern einen SCA erleiden, wobei das Risiko nicht gleich verteilt ist. Menschen schwarzafrikanischer Abstammung und Männer haben ein höheres Risiko. Auch weil SCA/SCD Fälle gerade im Leistungssport viel mediale Aufmerksamkeit produzieren, wurde in den letzten Jahren versucht, die Prävention des sportassoziierten SCA zu verbessern. Aber hatten diese Maßnahmen Erfolg?

Untersucht haben das jetzt Wissenschaftler um Dr. Nicole Karam von der Kardiologie am George Pompidou European Hospital und Universität Paris. Analysiert wurden konsekutive 2-Jahres-Perioden von 2005 bis 2018. Die Datenbasis bildete ein prospektives französisches Register im Großraum Paris, einer Region mit 7 Millionen Einwohnern. SCA waren definiert als plötzliche Pulslosigkeit ohne erkennbare nicht-kardiale Ursache. Vom einem Sportbezug wurde ausgegangen, wenn das Ereignis während oder bis maximal eine Stunde nach sportlicher Aktivität eintrat. Was die Prävention angeht, ist in Frankreich für Sportler, die an Wettbewerben teilnehmen, seit 1999 eine medizinische Untersuchung verpflichtend. Die Empfehlungen wurden im Laufe der Jahre mehrfach angepasst. Seit 2011 wird zudem auch Freizeitsportlern ein kardiales Screening zumindest empfohlen.

Haben die Maßnahmen gewirkt?

Auf die Inzidenz von sportbezogenen SCA/SCD Fällen hatten diese Maßnahmen offenbar keinen großen Einfluss. Insgesamt 377 sportbezogene SCA Fälle wurden im Registerzeitraum registriert. Die Inzidenz blieb dabei von 2005 bis 2018 mit 6,2 bis 7 pro eine Million Einwohner pro Jahr sehr konstant. Auch am mittleren Alter – 47 Jahre – und am dominanten Geschlecht – rund 95% sind männlich – änderte sich kaum etwas. Interessant auch, dass Leistungssportler im typischen Leistungssportleralter, 18 bis 35 Jahre, nur einen vergleichsweise kleinen Anteil der Betroffenen ausmachen, nämlich 5%. Der Rest sind Freizeit- und Mannschaftssportler jenseits der 35.

Die Prävention durch sportmedizinische Untersuchungen scheint also insgesamt eher nicht gefruchtet zu haben. Dr. Michael J. Ackerman und Dr. John R. Giudicessi von der Mayo Clinic in Rochester weisen allerdings in einem begleitenden Editorial darauf hin, dass die generelle Sportneigung im untersuchten Zeitraum wahrscheinlich eher zu- als abgenommen hat. Die Stabilisierung könnte so gesehen auch als ein (kleiner) Erfolg interpretiert werden.

Laienreanimation hat deutlich zugenommen

Was definitiv – zumindest im untersuchten Großraum Paris – eine Erfolgsgeschichte ist, das ist das Management von SCA/SCD-Ereignissen im Sport. Eine kardiopulmonale Laienreanimation gab es demnach im ersten 2-Jahres-Zeitraum nur bei jedem dritten Betroffenen. Im letzten 2-Jahres-Zeitraum lag diese Quote dagegen bei 95%, ein hoch signifikanter Unterschied. Ein öffentlich zugänglicher Defibrillator kam zu Registerbeginn nur bei 1,6% der Betroffenen zum Einsatz, gegenüber 28,8% in den Jahren 2017/2018.

Das dürfte mit dazu geführt haben, dass die Sterblichkeit beim sportassoziierten SCA/SCD stark gesunken ist. 67% der Patienten verließen zuletzt das Krankenhaus lebend, gegenüber nur 24% im ersten 2-Jahres-Zeitraum. Besonders interessant dabei ist, dass diese Abnahme der Sterblichkeit für nicht sportassoziierte SCA/SCD-Fälle nicht in dem Ausmaß nachweisbar ist. Das spricht dafür, dass es tatsächlich die Fortschritte in der Vor-Ort-Versorgung und die starke Sensibilisierung für das Thema in den Vereinen sind, die den Unterschied machen.

Einsatz mobiler, KI-unterstützter EKG-Systeme

Die Kommentatoren Ackerman und Giudicessi sehen das auch so, sie fordern aber vor allem, dass künftig deutlich mehr Energie in das Thema Prävention gesteckt wird. Eine Anregung ist der Einsatz mobiler, KI-unterstützter EKG-Systeme, die Risikokandidaten für einen SCA/SCD möglicherweise besser herausfischen könnten als die einmalige EKG-Untersuchung in jungen Jahren, mit der sich die Prävention für die meisten Sportlerinnen und Sportler außerhalb des Hochleistungssports in der Regel erschöpft.

Literatur

Karam N et al. Evolution of Incidence, Management, and Outcomes Over Time in Sports-Related Sudden Cardiac Arrest. J Am Coll Cardiol 2022; 79:238-46

Ackerman MJ, Giudicessi JR. Sudden Cardiac Arrest in Sport. J Am Coll Cardiol 2022; 79:247-49

Highlights

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

HIV: Diese Faktoren steigern Herzinfarktrisiko zusätzlich

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für einen Herzinfarkt von Menschen mit HIV deutlich stärker, wenn sie gleichzeitig eine unbehandelte Hepatitis-C-Infektion haben, lässt eine aktuelle Studie vermuten.

Prophylaktische Rivaroxaban-Gabe kann Radialisverschlüsse verhindern

Radialisverschlüsse bei transradialen Punktionen lassen sich randomisierten Daten zufolge durch eine Rivaroxaban-Behandlung effektiv verhindern. Es stünden aber auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung – und die sind in der Studie zu selten genutzt wurden.  

Plötzlicher Herztod im jungen Alter: Oft sind Erbkrankheiten schuld

Wenn ein junger Mensch unerwartet an einem plötzlichen Herztod verstirbt, ist oft unklar, wie es dazu kommen konnte. Eine landesweite Studie aus Dänemark hat jetzt ergeben, dass es bei den Ursachen alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie (links: LAO5°/CRAN35°, rechts: RAO35°, CRA 35°) bei einer Patientin mit Nicht ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI).

Verordnungsspielräume eines leitliniengerechten Therapiekonzepts aus Sicht der Kardiologen und Hausärzte

Single Pills haben sich in Studien im Vergleich zu Einzelwirkstoffen als vorteilhaft erwiesen. Sie kosten aber mehr als die losen Kombinationen. Dr. med. Georg Lübben gibt Tipps, wie Sie diese trotzdem wirtschaftlich verordnen können.

Young-BNK 2030: Eine Idee

Wie könnte eine Niederlassung 2030 aussehen? Wie findet man dann eine Praxis? Und wie läuft die Praxisversorgung? Dr med. Marvin Schwarz von der Young BNK berichtet über Zukunfts-Ideen der Young BNK.

DGK.Online 2022/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2022/© Luise Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org