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23.09.2016 | Herz und Sport | Nachrichten

Erwartungen nicht erfüllt

Tragbare Fitness-Tracker – beim Abnehmen eher hinderlich?

Autor:
Veronika Schlimpert

Mit einem tragbaren Fitness-Armband nahmen übergewichtige Teilnehmern in einer randomisierten Studie weniger an Gewicht ab als nach einer alleinigen Lebensstilintervention. Sind diese Geräte also völlig nutzlos?

Elektronische Schrittzähler, Geräte zur Schlafüberwachung oder Herzfrequenzmesser sind heutzutage an Armgelenken vieler Menschen zu sehen. Der Markt wird geradezu überschwemmt von tragbaren elektronischen Geräten, die unsere Alltagsaktivitäten permanent überwachen. Den ein oder anderen spornen die sog. Fitness-Tracker durchaus an, sich körperlich mehr zu betätigen. Hoffnung besteht daher, dass die Geräte als Ergänzung zu bisher etablierten Gewichtsreduktions-Programmen übergewichtige Menschen beim Abnehmen unterstützen könnten. Über kürzere Zeit hat man damit tatsächlich Erfolge erzielt, wie wenige kleinere Untersuchungen beispielsweise mit Schrittzählern (https://www.kardiologie.org/khk-patienten-mit-schrittzaehler-zu-mehr-bewegung-motiviert/9974318) bereits gezeigt haben. 

Helfen Fitness-Armbänder auch langfristig?

Doch die Erwartung, mit dieser Technologie Übergewichtige über längere Zeit zu noch mehr körperlicher Aktivität zu animieren, hat sich in einer aktuellen randomisierten Studie nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Studienteilnehmer, die ergänzend einen Fitness-Tracker nutzen, verloren im Schnitt weniger an Gewicht als diejenigen, die nur an einer üblichen Lebensstilintervention teilgenommen hatten. Was ist der Grund für dieses enttäuschende Ergebnis? 

Randomisierter Vergleich mit professioneller Lebensstilintervention

Ein Blick auf das Studiendesign könnte eine Erklärung liefern: Alle 471 Probanden dieser Studie namens IDEA (Innovative Approaches to Diet, Exercise and Activity) nahmen zunächst sechs Monate lang an einem regulären Programm zur Gewichtsreduktion teil, dieses beinhaltete eine Kalorienreduktion und eine Steigerung der körperlichen Aktivität. Ab dem siebten Monat wurden die 18- bis 35-jährigen übergewichtigen Teilnehmer (BMI 25–40 kg/m²) entweder einer Interventions- oder einer Standardgruppe zugeteilt. Bei letzterer sollten sie wie bisher ihre Kalorienzufuhr und körperliche Aktivität selbstständig auf einer Internetplattform dokumentieren. Die Probanden in der Interventionsgruppe wurden angehalten, stattdessen einen kommerziell erhältlichen Fitness-Tracker (FIT Core; Body Media) am Oberarm zu tragen. Das Gerät zeichnet die körperliche Aktivität auf und gibt Rückmeldung über den täglichen Energieumsatz. Über eine webbasierte Software lässt sich zudem die Nahrungszufuhr dokumentieren. Die jeweiligen Informationen standen den betreuenden Mitarbeitern der Universität Pittsburgh für monatliche Telefongespräche zur Verfügung. 

Beide Gruppen wurden also intensiv betreut; auch die Teilnehmer der Standardgruppe überwachten ihre Aktivitäten aktiv, wodurch sie womöglich mindestens ebenso motiviert wurden, wie es der Fitness-Tracker vermochte.

Signifikanter Gewichtsverlust in beiden Gruppen

So nahmen nach der 24-monatigen Interventionszeit auch die Teilnehmer beider Gruppen signifikant an Gewicht ab. Unerwartet fiel der Gewichtsverlust bei Patienten, die den Fitness-Tracker benutzen, jedoch sogar geringer aus: Dieser betrug im Schnitt 3,5 kg (von 96,3 auf 92,8 kg) im Vergleich zu einer Reduktion von 5,9 kg (von 95,2 auf 89,3 kg) in der Standardgruppe. 

Was die tägliche Kalorienzufuhr und körperliche Aktivität betrifft, waren keine Unterschiede zwischen den Gruppen zu erkennen. Die Gesamtkalorienzufuhr ging bei allen Teilnehmern zurück. Trotz der Intervention habe sich der Anteil der sitzenden Zeit und der Alltagsaktivität über die Zeit nicht verändert, berichten die Studienautoren um John Jakicic von der Universität Pittsburgh in der entsprechenden Publikation in JAMA. Auch moderate bis stärkere körperliche Aktivitäten nahmen nicht signifikant zu, wobei die Teilnehmer Bewegung in Form von zehnminütigen Intervalltraining oder länger häufiger vornahmen. 

Keinen Vorteil gegenüber Standardprogrammen

Aufgrund dieser Ergebnisse kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass „Geräte, die Aktivitäten aufzeichnen und Ärzten Rückmeldung geben, womöglich keinen Vorteil über ein Standardprogramme zur Gewichtsreduktion bringen“. Dies mag daran liegen, dass eine solche Technologie nicht so effektiv sei wie eine professionelle Lebensstilintervention, erklären sie sich den ausbleibenden Nutzen. 

Interindividuelle Unterschiede? 

Allerdings haben sich bzgl. der Kalorienzufuhr und des Bewegungsumfanges keine Unterschiede zwischen den Gruppen ergeben. Warum also die Teilnehmer der Standardgruppe mehr an Gewicht verloren als jene, die ergänzend einen Fitness-Tracker trugen, dafür haben die Wissenschaftler keine Erklärung. Da es in dieser Studie keine Kontrollgruppe gab, die keine Intervention erhalten hatte, lässt sich jedenfalls nicht sagen, inwiefern die Gewichtsreduktion der eigentlichen Intervention oder anderen Faktoren zuzuschreiben ist. Als weitere Limitation geben Jakicic und Kollegen an, dass sie nur einen der kommerziell erhältlichen Fitness-Tracker untersucht haben und das Ergebnis daher nicht auf andere Geräte übertragbar ist. 

Womöglich sind auch unterschiedliche Präferenzen der Patienten zu berücksichtigen, dem einen taugen solche Geräte, dem anderen eher weniger. Anzumerken ist in diesem Kontext, dass 77,2% der Teilnehmer Frauen waren. Eine geschlechterspezifische Analyse wurde in dieser Studie nicht vorgenommen.   

Literatur

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