Nachrichten 13.11.2020

So wirksam ist ein neuer Myosin-Aktivator bei Herzinsuffizienz

Mit Omecamtiv-Mecarbil, einem neuen Wirkstoff zur Verbesserung der kardialen Pumpfunktion, konnte in einer großen Studie bei Patienten mit Herzinsuffizienz die kombinierte Rate für Herzinsuffizienz-Ereignisse und kardiovaskuläre Todesfälle signifikant reduziert werden.

Mit dem kardialen Myosin-Aktivator Omecamtiv-Mecarbil hat ein weiterer innovativer Therapieansatz bei Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) klinische Wirksamkeit bewiesen. In der GALACTIC-HF-Studie ist durch eine Behandlung mit Omecamtiv-Mecarbil das Risiko für den primären kombinierten Wirksamkeitsendpunkt, einer Kombination aus ersten Herzinsuffizienz-Ereignissen (Hospitalisierungen und andere dringende Behandlungen wegen Herzinsuffizienz etwa in Notfallambulanzen) und kardiovaskulären Todesfällen, statistisch signifikant reduziert worden.

Relative Reduktion um 8% beim primären Endpunkt

Am Ende der Nachbeobachtung (mediane Follow-up-Dauer 21,8 Monate) waren von entsprechenden Ereignissen 1523 Patienten (37,0%) in der mit Omecamtiv-Mecarbil behandelten Gruppe und 1607 Patienten (39,1%) in der Placebo-Gruppe betroffen. Der Unterschied entspricht einer moderaten relativen Risikoreduktion um 8% durch den kardialen Myosin-Aktivator (Hazard Ratio: 0,92; 95% Konfidenzintervall: 0,86 – 0,99, p=0,025).

Das Ziel, die kardiovaskuläre Mortalität (sekundärer Endpunkt) zu reduzieren, wurde allerdings nicht erreicht: Die Zahl der kardiovaskulär verursachten Todesfälle war mit 808 (19,6%) in der Omecamtiv-Mecarbil-Gruppe und 798 (19,4%) in der Placebo-Gruppe nahezu gleich (HR: 1,01; 95% KI: 0,92 – 1,11, p=0,86).

Bezüglich der Verbesserung der krankheitsspezifischen Lebensqualität, die nach 24 Wochen anhand eines per standardisiertem Fragebogen (Kansas City Cardiomyopathy Questionaire) ermittelten Gesamtscores für Symptome bewertet wurde, bestand ebenfalls kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen.

Dr. John Teerlink aus San Francisco hat die Ergebnisse der GALACTIC-HF-Studie aktuell bei einer „Late Breaking Science“-Sitzungen des virtuellen Kongresses der American Heart Association (AHA) vorgestellt. Die Studie ist simultan im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden.

Direkte Wirkung auf kontraktile Mechanismen

Omecamtiv-Mecarbil ist ein kardialer Myosin-Aktivator, der direkt auf die kontraktilen Mechanismen des Herzens wirkt. Der Wirkstoff verlängert die zyklusabhängige Interaktion von Myosin mit Aktin und bewirkt so eine Verbesserung der kardialen Kontraktilität.

Im Unterschied zu anderen positiv inotrop wirksamen Medikamenten bleiben bei einer Behandlung mit Omecamtiv-Mecarbil die intrazelluläre Kalziumkonzentration und der myokardiale Sauerstoffverbrauch unverändert. Dass dies der Verträglichkeit und Sicherheit zugutekommt, zeigte sich auch in der GALACTIC-HF-Studie: Bezüglich der Blutdruckwerte gab es keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen, die Herzfrequenz verringerte sich unter Omecamtiv-Mecarbil leicht. Auch nahmen die NT-proBNP-Werte der mit Omecamtiv-Mecarbil behandelten Patienten relativ stärker ab (um 10%) als unter Placebo.

Rate an Therapieabbrüchen auf Placebo-Niveau

Die Raten an Therapieabbrüchen wegen unerwünschter Effekte waren in der Omecamtiv-Mecarbil- und Placebo-Gruppe annähernd gleich (9,0% vs. 9,3%), ebenso die Raten für schwerwiegende ischämische Ereignisse (4,9% vs. 4,6%). Auch bei ventrikulären arrhythmischen Ereignissen gab es keinen Unterschied.

Darüber, dass Omecamtiv-Mecarbil die kardiovaskuläre Mortalität nicht verringert hat, zeigen sich die Studienautoren überrascht. Nach ihrer Ansicht hat es diverse Indikatoren für eine mögliche Prognoseverbesserung gegeben. Dazu zählen sie die unter Omecamtiv-Mecarbil beobachtete Verringerung der linksventrikulären Volumina ebenso wie die auch in GALACTIC-HF bestätigte Abnahme von Herzfrequenz und NT-proBNP-Werten.

Wo ist der Platz im künftigen Therapiemanagement?

Wie Omecamtiv-Mecarbil künftig am besten in die immer komplexer gewordene Therapie bei Herzinsuffizienz vom HFrEF-Typ eingebunden werden kann, ist momentan schwer zu sagen. Bei dieser Indikation gibt es derzeit bereits fünf Therapieansätze (RAAS-Blocker/Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor, Betablocker, Mineralkortikoidrezeptor-Antagonisten (MRA), SGLT2-Hemmer, kardiale Devices) mit dokumentierter Mortalitätsreduktion.

Auf gleicher Stufe mit diesen Therapieoptionen steht Omecamtiv-Mecarbil mit den jetzt präsentierten Ergebnisse sicher nicht. Möglicherweise empfiehlt sich der neue Wirkstoff ja für eine selektive Anwendung bei bestimmten Patientengruppen. Aufschluss darüber könnten Subgruppenanalysen der GALACTIC-HF-Studie geben.

Eine Subgruppe rückte Studienleiter Teerlink beim AHA-Kongress schon mal in den Blickpunkt: Bei Patienten mit sehr niedriger linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF unter 28%) schien der Effekt von Omecamtiv-Mecarbil deutlich stärker gewesen sein als bei Patienten mit höherer LVEF. 

Große Studie mit 8.256 beteiligten Patienten

Für die randomisierte Phase-III-Studie  GALACTIC-HF (Global Approach to Lowering Adverse Cardiac Outcomes Through Improving Contractility in Heart Failure) wurden in 35 Ländern insgesamt 8.256 Patienten mit symptomatischer HFrEF (linksventrikuläre Ejektionsfraktion ≤35 %, NYHA-Klasse II-IV) und erhöhten natriuretischen Peptiden rekrutiert, die aktuell oder in ihrer Vorgeschichte wegen Herzinsuffizienz stationär behandelt werden mussten oder innerhalb des letzten Jahre wegen Herzinsuffizienz in einer Notaufnahme waren. Die Patienten erhielten randomisiert entweder Omecamtiv-Mecarbil (finale Dosis 50 mg, 37,5 mg oder 25 mg zweimal täglich) oder Placebo.

Omecamtiv-Mecarbil wird gemeinsam von den Unternehmen Amgen und Cytokinetics mit finanzieller und strategischer Unterstützung von Servier klinisch entwickelt. Teil des Forschungsprogramms ist außer GALACTIC-HF noch die METEORIC-HF-Studie (Multicenter Exercise Tolerance Evaluation of Omecamtiv Mecarbil Related to Increased Contractility in Heart Failure), in der die mögliche Wirkung von Omecamtiv-Mecarbil auf die körperliche Belastbarkeit bei Herzinsuffizienz geprüft wird.

Literatur

Teerlink J.: Omecamtiv Mecarbil In Chronic Heart Failure With Reduced Ejection Fraction: The Global Approach To Lowering Adverse Cardiac Outcomes Through Improving Contractility In Heart Failure (GALACTIC-HF) Trial. Vorgestellt in der Sitzung “Late-breaking Science I” beim virtuellen  Kongress der American Heart Association (AHA) 2020 (13. – 17. November 2020).

Teerlink J. et al.: Cardiac Myosin Activation with Omecamtiv Mecarbil in Systolic Heart Failure. N Engl j Med 2020, online 13. November. DOI: 10.1056/NEJMoa2025797

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Hilft Intervallfasten doch beim Abnehmen?

Ob intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen könnte, ist umstritten. Kürzlich publizierte Ergebnisse sprechen eher dagegen. Eine aktuelle randomisierte Studie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.

Warum Kardiologen nach den Wechseljahren fragen sollten

Frauen, bei denen die Menopause früh einsetzt, haben ein erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern, legen aktuelle Daten nahe. Expertinnen empfehlen deshalb, die reproduktive Gesundheit von Frauen in das kardiovaskuläre Risikoassessment mehr einzubeziehen.

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell