Skip to main content
main-content

31.05.2018 | Herzinsuffizienz | Nachrichten

Komplexes Krankheitsbild mit wenig Evidenz

Diastolische Herzinsuffizienz – was man wirklich weiß

Autor:
Dr. med. Peter Stiefelhagen

Die diastolische Herzinsuffizienz ist kein einheitliches Krankheitsbild. Deshalb ist äußerst schwierig, einheitliche Therapiestrategien zu entwickeln. Die bisherigen Empfehlungen sind eher eminenz- als evidenzbasiert.

„Die Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion („Heart Failure with preserved Ejection Fraction“: HFpEF) ist ein komplexes und zugleich heterogenes klinisches Syndrom“, machte Prof. Dirk J an Veldhuisen, Groningen, auf dem HeartFailure-Kongress in Wien deutlich. Jeder zweite herzinsuffiziente Patient leide an der diastolischen Form und die Prognose sei durchaus vergleichbar mit der bei der systolischen Herzinsuffizienz.

Die Erkrankung ist mit multiplen kardiovaskulären und  nicht kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert und benötigt verschiedene medikamentöse Therapieansätze.

„In den letzten zehn Jahren haben wir große Fortschritte im Hinblick auf das pathophysiologische Verständnis dieser Erkrankung gemacht. Doch bisher haben sich daraus keine spezifischen Therapiekonzepte ableiten lassen.“

Doch eines könne man mit Bestimmtheit sagen: One size fits not all! Angesichts der heterogenen Pathophysiologie müsse die Therapie Phänotyp-basiert und pathophysiologisch stratifiziert, also individualisiert sein.

Potenzielle Angriffspunkte für neue Substanzen

Bisher gib es so gut wie keine Evidenz für die verschiedenen medikamentösen Therapieansätze. „Doch neue pathophysiologische Erkenntnisse könnten die Grundlage für die Entwicklung neuer medikamentöser Therapiestrategien sein“, hofft Prof. Carolyn Lam, Groningen. Das Schlüsselkonzept für das Verständnis der HFpEF sei eine hämodynamische Situation, bei der das Herz nicht mehr in der Lage ist, die für den Körper notwendige Zirkulation aufrechtzuerhalten oder nur bei einem inadäquaten Anstieg des Füllungsdrucks.

Als Angriffspunkte für neue Substanzen kommen infrage: der erhöhte linksatriale Druck, die pulmonale Hypertonie, das erhöhte Plasmavolumen, die systemische mikrovaskuläre Inflammation, die Veränderungen der kardiometabolischen Funktionen und die zellulären und extrazellulären, genauer gesagt fibrotischen strukturellen Veränderungen. Dabei könnten auf zellulärer Ebene auch molekulare Strategien wie interferierende RNAs zum Einsatz kommen.

Vorhofflimmern ist eine häufige Begleiterkrankung

Angesichts der pathophysiologischen Gemeinsamkeiten ist die Koinzidenz von HFpEF und Vorhofflimmern sehr hoch. Das Bindeglied ist der erhöhte linksatriale Druck. Aber auch die neurohumorale Aktivierung, die Inflammation und die Fibrosierung spielen bei beiden Erkrankungen eine wichtige Rolle.

Jeder zweite HFpEF-Patient bekommt im Verlauf seiner Erkrankung Vorhofflimmern und jeder zweite Vorhofflimmern-Patient leidet an einer HFpEF. Im Vergleich zu HFrEF ist das Schlaganfallrisiko bei HFpEF höher, aber die Mortalität etwas niedriger.

„Da die Symptome  ähnlich sind, wird die HFpEF bei Patienten mit Vorhofflimmern nicht immer erkannt“, so Prof. Dipak Kotecha, Birmingham. Doch ein gutes Ansprechen auf Diuretika spreche für das Vorliegen einer HFpEF. Wichtig seien eine gute Frequenzkontrolle und eine optimale Blutdruckeinstellung ebenso wie eine Revaskularisation im Falle einer KHK. Bei der Indikation für die Antikoagulation gebe es keine Unterschiede zwischen HFrEF und HFpEF.

Metabolisches Syndrom ist ein Risikofaktor

„Die Adipositas und der Diabetes mellitus sind wichtige Risikofaktoren für eine HFpEF und somit auch die häufigsten Begleiterkrankungen“, erklärte Prof. Rudolf de Boer, Groningen. Dies gilt sogar schon für den Prädiabetes und auch unabhängig davon, ob gleichzeitig eine arterielle Hypertonie vorliegt. Die genauen pathophysiologischen Zusammenhänge sind noch nicht bekannt. Es dürften aber neurohumorale bzw. endokrine Mechanismen eine Rolle spielen.

Die Gewichtsreduktion und auch eine regelmäßige körperliche Aktivität sind deshalb in Ermangelung evidenzbasierter medikamentöser Strategien  vorrangige Therapiekonzepte. In wieweit neue Antidiabetika wie die SGLT2-Inhibitoren bei der HFpEF eine günstige Wirkung entfalten, wird derzeit im Rahmen klinischer Studien untersucht.

Literatur

Zurzeit meistgelesene Artikel

 

Highlights

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Expertenrückblick auf den ACC-Kongress – das Wichtigste im Überblick

Kann man ASS als Plättchenhemmer in Zukunft komplett weglassen? Muss jedem Patienten ab sofort eine TAVI angeboten werden? Und wo stehen wir in der kardialen Prävention? Eine Expertenrunde hat in Leipzig die neuesten Studien und viel diskutierte Themen des diesjährigen ACC-Kongresses kommentiert. Schauen Sie rein und bleiben Sie auf dem neuesten Stand.

Aus der Kardiothek

19.08.2019 | DGK-Jahrestagung 2019 | Expertenvorträge | Video

Herz und Diabetes – was der junge Kardiologe wissen soll

Ist Diabetes eigentlich eine kardiologische Erkrankung? Die DDG-Leitlinien empfehlen zumindest, jeden kardiologischen Patienten auch auf Diabetes zu screenen. Welcher HbA1c-Wert schon kritisch ist und welche weiteren Maßnahmen ergriffen werden sollten, erläutert Frau Dr. Bettina J. Kraus, Würzburg, in ihrem Vortrag. 

02.07.2019 | Quiz | Onlineartikel

Was ist die Ursache für die Lumenreduktion?

Koronarangiografie bei einem 63-jährigen Patienten. Augenscheinlich ist eine systolische Lumenreduktion des linken Hauptstamms. Was ist die Ursache?

16.04.2019 | Quiz | Onlineartikel

Patientin mit Fieber und Tachykardie – die Ursache verrät das Röntgenbild

Röntgenaufnahme des Thorax im Stehen bei einem 43 jährigen Patienten mit Fieber und Tachykardie. Was ist zu sehen?

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise