Nachrichten 18.06.2021

Herzinsuffizienz: Auch vermeintlich stabile Patienten gefährdet

Herzinsuffizienzpatienten mit NYHA-Klasse I haben keine Symptome, trotzdem kann die Erkrankung schnell fortschreiten. Welche Faktoren das Risiko dafür stark erhöhen können, zeigt eine spanische Studie.

Frühere Studien mit Herzinsuffizienzpatienten legen nahe, dass diejenigen mit leichten Symptomen (NYHA II) tatsächlich eine schlechte Prognose haben und von einer Therapie profitieren. Diese Daten bewerten jedoch nicht die klinische Stabilität und schließen oft Patienten der NYHA-Klasse I aus. Bei Patienten mit NYHA I herrscht deshalb weniger Konsens, wann die Behandlung intensiviert werden sollte.

Uneinigkeit bei NYHA-Klasse I

Spanische Forscher untersuchten jetzt, wie häufig es bei diesen vermeintlich stabilen Patienten zu einer klinischen Progression kommt und ob sich diese anhand von EKG- und Echoparametern vorab erkennen lässt.

In die retrospektive Studie von Dr. Alexander Marschall vom Central Defense Hospital in Madrid und seinem Team wurden 153 Patienten mit Herzinsuffizienz mit reduzierter und mittlerer Ejektionsfraktion (HFrEF: LVEF < 40%, HFmrEF: LVEF 40 – 49%) der NYHA-Klasse I einbezogen. Bei keinem von ihnen war in den vergangenen sechs Monaten eine kardiale Dekompensation aufgetreten. Sie wurden umfassend echokardiografisch und elektrokardiografisch untersucht und zwölf Monate nachbeobachtet. 

Primärer Endpunkt war eine Kombination aus kardiovaskulärem Tod, Krankenhausaufenthalt und der Notwendigkeit einer Intensivierung der Herzinsuffizienz-Therapie innerhalb dieser Zeit.

Progression auch bei vermeintlich stabilen Patienten häufig

Die Studie ergab, dass die kumulative Inzidenz einer Herzinsuffizienzprogression bei 18% lag. Bis zu einem entsprechenden Ereignis dauerte es im Schnitt 193 Tage. Drei Viertel der beobachteten Ereignisse waren Todesfälle und Klinikaufenthalte.

Die Forscher um Marschall konnten folgende zwei Faktoren festmachen, die das Risiko für eine Progression relevant erhöhten:

1. Eine Dauer des QRS-Komplexes von mindestens 120 ms ging mit einem um fast neunfach erhöhten relativen Risiko für eine Progression der Herzinsuffizienz einher (Hazard Ratio, HR: 8,92).Eine Mitralklappeninsuffizienz > Grad I war mit einem um mehr als vierfach gesteigerten Risiko ebenfalls ein signifikanter Prädiktor für eine Herzinsuffizienzprogression (HR: 4,10)

2. Patienten ohne diese Risikofaktoren hatten eine geringe Inzidenz für klinische Ereignisse (4%). Das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung war sowohl bei Patienten mit HFrEF als auch mit HFmrEF hoch, jedoch war es unter denjenigen mit HFrEF höher.

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass fast jeder Fünfte vermeintlich stabile Herzinsuffizienzpatient der NYHA-Klasse I während eines Kurzzeit-Follow-ups eine klinische Progression erfährt“, so Marschall und Kollegen. Dies sei trotz der Abwesenheit von Symptomen der Fall und zeige, dass diese Patienten mehr proaktive therapeutische Ansätze brauchen, um eine klinische Verschlechterung zu vermeiden. „Diese Studie liefert einfache elektrokardiografische und echokardiografische Prädiktoren, die der Risikostratifikation dienen und dazu beitragen können, das individuelle Management und die Prognose von Patienten mit Herzinsuffizienz zu verbessern“, lautet ihr Fazit.

Literatur

Marschall A et al. Incidence and Predictors of Progression in Asymptomatic Patients With Stable Heart Failure. American Journal of Cardiology 2021. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2021.04.044

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