Nachrichten 22.05.2022

Alkohol bei manchen Patienten schädlicher fürs Herz als gedacht

Ein Glas Bier oder Wein pro Tag schadet nicht, glauben viele. Eine neue Studie vom Heart Failure Kongress hat ergeben: Auch geringe Mengen Alkohol können bei bestimmten Personen die Herzfunktion verschlechtern.

Dass ein hoher Alkoholkonsum über längere Zeit zu alkoholischer Myopathie führen kann, ist bekannt. Jetzt legt eine Studie nahe, dass auch geringe Mengen Alkohol, die in manchen europäischen Ländern als unbedenklich angesehen werden, mit der Entwicklung von Herzinsuffizienz assoziiert sind. Die Ergebnisse wurden beim Heart Failure Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in Madrid vorgestellt.

In die Sekundäranalyse der STOP-HF-Studie wurden 744 Personen einbezogen. Sie hatten entweder aufgrund von Vorerkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder Adipositas ein erhöhtes Herzinsuffizienzrisiko (Stadium A) oder zusätzlich bereits abnorme Veränderungen am Herzen, jedoch noch keine Symptome (Stadium B). Ihre Herzfunktion wurde anhand von EKGs zu Studienbeginn und nach mindestens 18 Monaten untersucht. Das Durchschnittsalter war 67 Jahre. Ehemalige Trinker und symptomatische Erkrankte wurden ausgeschlossen.

Bei 11% verschlechterte sich die Herzgesundheit

Dr. Bethany Wong vom St. Vincent's University Hospital in Dublin und ihr Team gruppierten die Teilnehmenden nach ihrem wöchentlichen Alkoholkonsum: gar kein Alkohol, wenig Alkohol (bis 750 ml Wein oder 1750 ml Bier), moderater (bis 1500 ml Wein oder 3500 ml Bier) oder hoher Alkoholkonsum (mehr als 1500 ml Wein oder 3500 ml Bier). Die Forschenden verglichen, ob die Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren erkrankten, und ob sich die Herzgesundheit der bereits Erkrankten weiter verschlechterte, wobei die Ergebnisse auf Störfaktoren adjustiert wurden.

27% der Teilnehmenden tranken gar keinen Alkohol, 48% wenig und 25% eine moderate oder große Menge. Letztere waren im Vergleich zur wenig trinkenden Gruppe jünger, eher männlich und hatten eher einen höheren BMI. Innerhalb der Nachbeobachtungszeit von median rund fünf Jahren verschlechterte sich die Erkrankung bei gut 11% der Patientinnen und Patienten zu einem fortgeschritteneren Herzinsuffizienzstadium.

Erhöhtes Risiko schon bei moderatem Alkoholkonsum

In der Stadium-B-Gruppe war moderater oder hoher Alkoholkonsum gegenüber gar keinem signifikant mit einem 4,5-fach erhöhten Risiko einer Verschlechterung assoziiert. Die Assoziation blieb auch bestehen, wenn moderater und hoher Konsum getrennt analysiert wurden. In der Gruppe mit Stadium A wurde dies nicht beobachtet. In beiden Kohorten gab es keinerlei schützenden Effekt durch niedrigen gegenüber keinem Alkoholkonsum.

Diese Ergebnisse stimmen mit denen von asiatischen Studien überein. Wong et al. plädieren für einen vorsichtigeren Umgang mit Alkohol. „Um Schäden am Herzen zu vermeiden, sollte man gar nicht erst anfangen, Alkohol zu trinken. Wer bereits damit angefangen hat, sollte seinen wöchentlichen Konsum zumindest auf weniger als eine Flasche Wein oder weniger als dreieinhalb 500-ml-Gläser Bier beschränken“, raten sie.

Die Forschenden empfehlen auch, europäische Leitlinien anzupassen. „Wir haben beobachtet, dass mehr als 70 g Alkohol pro Woche bei europäischen Patientinnen und Patienten mit einer Verschlechterung der Herzinsuffizienz einhergingen“, ergänzen sie und raten, die empfohlenen Schwellen entsprechend zu senken. Genauso sei es notwendig, Ratschläge, die den Eindruck erwecken, wenig Alkohol könne positive Effekte auf das Herzinsuffizienzrisiko haben, zu überdenken.

Literatur

Wong B et al. Moderate alcohol consumption is associated with progression of left ventricular dysfunction in a European stage B heart failure population. Heart Failure Kongress der European Society of Cardiology (ESC), Mai 2022, Madrid.

ESC-Pressemitteilung: Alcohol may be more risky to the heart than previously thought. 22.05.2022

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