Nachrichten 12.08.2020

Was die Pupillen über Risiken bei Herzinsuffizienz verraten

Wie lassen sich Patienten mit Herzinsuffizienz und einem erhöhten Sterbe- und Hospitalisierungsrisiko rasch und leicht erkennen? Indem man sich ihre Pupillen genauer anschaut, empfehlen japanische Forscher.

Frage: Was haben die klinische Herzinsuffizienz-Entwicklung und die für die Regulation der Pupillenreaktion zuständigen inneren Augenmuskel gemeinsam? Antwort: Beide werden unter anderem durch Veränderungen bzw. Störungen des vegetativen oder autonomen Nervensystems beeinflusst. Das müsste sich doch für die Risikoprädiktion nutzen lassen, dachte sich eine japanische Forschergruppe um Dr. Kohei Nozaki vom Kitasato University Hospital in Kanagawa.

Auskunft darüber, wie es um die Funktion des autonomen Nervensystems mit seinen sympathischen und parasympathischen Anteilen steht, kann etwa die vegetativ regulierte Herzfrequenz geben. Viele Patienten mit Herzinsuffizienz haben aber zugleich Vorhofflimmern – was schlecht für die Nutzung der Herzfrequenz-Variabilität als Indikator autonomer Funktionen ist.

Ein alternativer Parameter könnte die ebenfalls vegetativ regulierte Pupillenreaktion sein, so die Forschergruppe um Nozaki. Ihre Hypothese: Die Pupillenweite bzw. gemessene Pupillenfläche könnte von prädiktiver Bedeutung dafür sein, welche Patienten mit Herzinsuffizienz prognostisch schlechter dastehen und einen erhöhten Risiko für erneute Klinikeinweisungen und vorzeitigem Tod unterliegen.

Pupillenfläche mittels Pupillometer gemessen

Den Test darauf hat die Gruppe in einer aktuell im Fachblatt „ESC Heart Failure“ der europäischen Kardiologengesellschaft ESC publizierten, retrospektiven Studie gemacht. Daran waren 870 Patienten (Durchschnittalter: 67 Jahre, 37% Frauen) beteiligt, die zwischen 2012 und 2017 wegen akuter Herzinsuffizienz in Kliniken behandelt worden waren. Mindestens sieben Tage nach Klinikentlassung sind bei allen Teilnehmern unter standardisierten Bedingungen beide Augen fotografiert worden. Mit einem Pupillometer wurde die Pupillenfläche genau gemessen.

In Abhängigkeit davon, ob ihre Pupillenfläche größer oder kleiner als der Median (16,6 mm2) war, sind die Studienteilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt und dann für eine Follow-up-Dauer von 1,9 Jahren bezüglich des Auftretens von Todesfällen (primärer Endpunkt) und Klinikeinweisungen wegen verschlechterter Herzinsuffizienz (sekundärer Endpunkt) nachbeobachtet worden.

Schlechtere Prognose bei kleinerer Pupillenfläche

In dieser Zeit starben 131 Patienten (davon 90 an kardiovaskulären Ursachen), weitere 328 mussten wegen ihrer Herzinsuffizienz erneut stationär behandelt werden. Allerdings waren die Ereignisse in beiden Gruppen ungleich verteilt:  In der Gruppe mit kleinerer Pupillenfläche war die Überlebensrate niedriger und die Rate an Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz höher als in der Gruppe mit größerer Pupillenfläche (p < 0,001 für beider Endpunkte).

Auch nach Adjustierungen für diverse vorbestehende Prognosefaktoren blieb die Pupillenfläche ein signifikanter und unabhängiger Prädiktor für die Mortalität (Hazard Ratio [HR]: 0,72; 95% Konfidenzintervall [KI]: 0,59–0,88; p = 0,001) und für erneute Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz (HR: 0,82; 95% KI: 0,73–0,93; p  = 0,003). Die Assoziation einer größeren Pupillenfläche mir einer günstigeren Prognose bestand gleichermaßen bei Patienten mit als auch ohne Sinusrhythmus.

Von Relevanz für die Praxis?

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Pupillenfläche ein neuer Ansatz ist, um Herzinsuffizienz-Patienten mit einem erhöhten Risiko für Tod und Rehospitalisierung zu erkennen,” wird Studienautor  Nozaki in einer ESC-Pressemitteilung zitiert. Die Nutzung dieses Prognoseprädiktors in der Praxis biete eine Gelegenheit, frühzeitig vorbeugende Maßnahmen wie vermehrte körperliche Aktivität zu initiieren, um autonome Funktionen zu verbessern.
 

Literatur

Nozaki K, et al. Prognostic value of pupil area for all-cause mortality in patients with heart failure. ESC Heart Fail. 2020. doi:10.1002/ehf2.12933

ESC-Pressemitteilung vom 11. August 2020: Photo of eyes provides forecast of longevity in heart failure patients.

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