Nachrichten 22.09.2016

Autopsie: Implantate checken bringt Erkenntnisgewinn

Sollten im Rahmen von Autopsien auch bei Patienten ohne plötzlichen (Herz-)Tod regulär kardiale Implantate ausgelesen werden? Experten der John Hopkins University in Baltimore plädieren dafür. Sie haben sechs Jahre lang analysiert, was das bringt.

Die meisten kardiologischen Fachgesellschaften empfehlen, bei Trägern von ICD-Systemen, die einen plötzlichen (Herz-)Tod erleiden, das Implantat auszulesen, um in Erfahrung zu bringen, ob eine vom ICD nicht detektierte ventrikuläre Arrhythmie Todesursache gewesen sein könnte. Kardiologen um Dr. Sunil Sinha vom Johns Hopkins Medical Center in Baltimore, USA, plädieren jetzt für eine deutlich breitere Indikationsstellung: Sie empfehlen, bei Autopsiepatienten sowohl ICD- als auch Schrittmachersysteme generell auszulesen.

Die Empfehlung fußt auf einer sechsjährigen, prospektiven Studie. Von insgesamt 2025 Verstorbenen, die zwischen 2009 und 2015 an der Johns Hopkins University autopsiert worden waren, hatten 37 einen Schrittmacher und 47 einen Defibrillator. 43 dieser Patienten waren plötzlich verstorben, 41 nicht.

Das Auslesen der Implantate zeigte bei 63% der Patienten mit plötzlichem Tod „signifikante klinische Ereignisse“ im zeitlichen Zusammenhang mit dem Tod. In der Regel handelte es sich dabei um anhaltende Tachyarrhythmien oder um Marker der Flüssigkeitsretention.

Das deckt sich mit anderen Studien. Eher unerwartet war, dass auch bei fast 20% der Patienten mit nicht-plötzlichem Tod entsprechende Ereignisse gefunden wurden. Sämtliche Geräte wurden im Anschluss außerdem vom jeweiligen Hersteller noch einmal überprüft. Dabei fanden sich zweimal Auffälligkeiten, einmal eine vorzeitig entleerte Batterie bei einem Schrittmacher und einmal ein kompletter Reset bei einem ICD-System, wahrscheinlich als Folge von Kälteexposition.

Insgesamt sprächen die Daten sehr dafür, Defibrillatoren und Schrittmacher konsequenter als bisher postmortal zu analysieren, betonen auch Professor Michael Ackerman und Professor John Giudicessi von der Mayo Clinic, Rochester in einem begleitenden Editorial. Dies helfe nicht nur bei der Bestimmung von Todeszeitpunkt und Todesursache, sondern sei letztlich auch der Qualität der Geräte zuträglich, weil mögliche Fehlfunktionen entdeckt werden könnten, die sonst übersehen würden.

Literatur

Sinha SK et al. Clinical Inferences of Cardiovascular Implantable Electronic Device Analysis at Autopsy. J Am Coll Cardiol 2016; 68:1255-64
Ackerman MJ, Giudicessi JR et al. Post-Mortem Cardiovascular Implantable Electronic Device Interrogation – Clinical Indications and Potential Benefits. J Am Coll Cardiol 2016; 68:1265-7

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