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26.08.2017 | Herztransplantation | Nachrichten

Transplantationsmedizin

Sind tierische Ersatzteillager ethisch vertretbar?

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Der Organspendemüdigkeit und dem dadurch bedingten Mangel an Transplantaten für todkranke Patienten versuchen Forscher mit Xenotransplantation transgenen Materials anderer Spezies – wie Schweinen – zu begegnen. Das wirft Fragen auf.

Des Menschen bester Freund? Klar, es ist der Vierbeiner mit der glänzenden Nase, den die Kinder unbedingt haben und dreimal täglich auszuführen wollten, wie sie hoch und heilig versprachen, bevor dann der erste Boyfriend kam oder sie an die Uni fortzogen – und den, ob seines morgendlichen Harndrucks winselnden Caninen den Eltern zum Gassigehen überließen. Zur Freundschaft mit dem Hund kommt eine große Portion Bewunderung seines Besitzers für die Großzügigkeit der Natur: Welches Füllhorn an Güte hat sie über eine Spezies ausgeschüttet, die gefühlte 22 Stunden am Tag schläft, döst und verdaut, ohne auch nur die mindeste Leistung (jenseits eines gelegentlichen Ableckens des Gesichts) zu zeigen!

Das Hausschwein als Begleiter

Ein ganz anderes Tier, das es verdient hätte, als unser bester Freund zu gelten, und das trotz seiner Leibesfülle meist physisch wesentlich aktiver ist als ein Hund, ist Sus scrofa domestica. Das Hausschwein begleitet die menschliche Zivilisation seit fast 10.000 Jahren in einer Beziehung mit meist tragischem Ausgang für das Schwein, bei allzu heftigem Genuss von Saumagen und gerösteten Speckstreifen – und in Form einer Arteriosklerose manchmal auch für den Menschen. Dieses Schicksal hält uns auch davon ab, die Freundschaft zu dem friedlichen Tier zu verbalisieren – ein inneres, von Schuldbewusstsein touchiertes Unwohlsein, das ähnlich auch in den Gründerjahren der USA auftrat, als man im Kongress (damals noch in Philadelphia) das künftige Wappentier für die neue Nation suchte und eine Mehrheit für den Truthahn sicher schien.

Erst Benjamin Franklins Hinweis darauf, welch verheerenden Eindruck es doch in der Welt mache, wenn man sein Nationalsymbol alljährlich zu Thanksgiving in die Bratröhre schiebe, sorgte für einen Meinungsumschwung und zur Wahl des Weißkopfseeadlers. Der ist offenbar völlig ungenießbar, hat doch noch kein Sternekoch ein Bald Eagle Sofflée und keine Fastfood-Kette einen Grilled Eagle Salad kreiert. Die Beziehung des Paarhufers zum Menschen ist indes nicht nur die eines Nahrungsbeschaffers. Es wird sicher auch als Ersatzteillager herhalten müssen. Diese neue Rolle, aus Sicht des Tieres sicher ebenfalls von unerfreulicher Prognose, verdankt das in der Tat arme Schwein einer Laune der Natur: Seine Organe ähneln den unseren sehr. So legt es die TAZ jüngst in einem Wissenschaftsbericht über transgene Tiere mit einem Optimismus dar, der der Zeitung und der ihr nahe stehenden Partei, den Grünen, zuletzt weitgehend abhandengekommen war.

Problem Immunreaktion

„Geht es nach Transplantationsmedizinern,“ so das Berliner Blatt, „kommen Schweinenieren demnächst nicht nur als Delikatesse auf den Teller, sondern auch als Organersatz in den menschlichen Körper. Denn der Allesfresser ist uns anatomisch ziemlich ähnlich – und Forscher bekommen auch die Abstoßungsreaktionen des Immunsystems immer besser in den Griff.“

Der Bedarf für solche Xenotransplantationen liegt auch daran, dass rund 10.000 Patienten derzeit in Deutschland auf ein neues Herz, eine neue Niere, Leber oder Lunge warten. Der ideale wandelnde Nährboden für im Tier quasi herangezüchtete und in einen kranken Menschen einzusetzende Organe ist nicht der uns vermeintlich so nahe stehende Affe, sondern das Schwein. Freilich dürfte nicht jedes dem Tier entnommene Organ nach Einschätzung der TAZ verwendbar sein: „Gelenke und Herz der Huftiere würden zwar nicht mit unserer aufrechten Körperhaltung klarkommen, doch Augennetzhaut, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse würden auch im Homo sapiens arbeiten.“

Wenn, ja wenn die Immunreaktion gegen ein Xenotransplantat überwunden und ein weiteres, dem Haustier innewohnendes Problem gelöst werden kann: „Bei einer Organverpflanzung vom Schwein auf den Menschen [können] problematische Viren überspringen, woran auch die absolut keimfreie Aufzucht der Huftiere nichts ändern würde. Denn diese Viren schlummern von Geburt an verborgen im Erbgut der Schweine und niemand weiß, was sie im menschlichen Körper anrichten können.“ Nun teilt die TAZ gar ein Lob an eine Branche aus, die sonst in linken Kreisen wenig wohlgelitten ist: „Die forschende Pharmaindustrie hat daher in den letzten Jahren das Interesse an dem Thema verloren. Doch das ändert sich gerade. Denn immer häufiger gelingt Forschern die Züchtung transgener Schweine, deren Erbgut keine Problemviren mehr enthalten sollen und deren Organe so verändert sind, dass sie im Körper des Menschen keine Abstoßungsreaktionen hervorrufen.“

Schweineherz im Pavian

Dank solcher Forschungsanstrengungen scheint auch das erwähnte Hindernis der Transplantation des Herzens umgehbar zu sein. Bei Pavianen – die wie die Menschen ihr Tagewerk in meist aufrechter Körperhaltung verrichten – wurden Herzen von transgenen Schweinen eingesetzt, mit beeindruckendem Erfolg: „Die Paviane überlebten mit ihrem neuen Herzen durchschnittlich 298 Tage. Einer von ihnen brachte es sogar auf 945 Tage, also mehr als zweieinhalb Jahre, was einem Zehntel der Lebenserwartung dieser Affen in Freiheit entspricht. Und Muhammad Mohiuddin, NIH-Studienleiter, betont, dass seine Probanden eigentlich nur starben, weil man ihre Medikation eingestellt hatte, um zu testen, ob sich ihre Immunabwehr mittlerweile mit dem neuen Herzen arrangiert hatte.“

Teilerfolg mit Inselzellen

Weiter als bei der Entwicklung eines dem Schwein entstammenden Herzens ist man zumindest aus immunologischer Sicht bei einem Therapiekonzept für Patienten mit Diabetes mellitus: „Einem neuseeländischen Labor gelang es, die Inselzellen vom Schwein in gelatineartigen Tautropfen zu verpacken, sodass die menschliche Immunabwehr die Spende widerstandslos durchwinkt. Es gibt bereits Patienten, die seit zehn Jahren damit leben, ohne Anzeichen von Immunreaktionen oder Infektionen. Allerdings produzieren viele ihrer Inselzellen kein Insulin mehr.“ Was wohl kaum als voller Erfolg zu werten ist.

Menschenzellen im Schwein

Einen anderen Ansatz in der Organogenese hat man am Salk-Institut in Kalifornien gewählt, wo menschliche Stammzellen in einen Schweineembryo eingebracht wurden und die trächtige Sau ein kleines Lebewesen austrägt, welches Vorläuferzellen für menschliche Organe enthält. Die TAZ mahnt nicht zu Unrecht: „Auch dieser Plan könnte aufgehen. Technisch zumindest. Ethisch betrachtet klingt er jedoch nach einem Mischwesen, beispielsweise einem Schwein mit Menschenhirn. Solche Visionen stoßen in der Öffentlichkeit meistens auf großen Widerstand.“ In der Tat kann man sich fragen, was der Mensch noch alles mit einer Kreatur anfangen wird, die im Gegensatz zum verbreiteten Klischee recht intelligent ist – Schweine haben in einem Experiment der Pennsylvania State University mit einem Joystick im Maul auf einem Screen dargebrachte Erkennungsaufgaben gut lösen können – und alles andere als dreckig ist (das Suhlen im Schlamm dient zum Schutz der Haut, die keine Schweißdrüsen aufweist, vor Sonnenbrand). „Homo homini lupus“, sagte im dritten vorchristlichen Jahrhundert der römische Dichter Plautus. Der Mensch ist nicht nur sich selbst ein Wolf, sondern auch anderen Spezies. Und dieses Zitat sollte auch nur mit einer ernst gemeinten Entschuldigung an Canis lupus verwendet werden.

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