Onlineartikel 22.10.2015

Höheres kardiales Risiko nach Infektionen im Kindesalter

Schwere Infektionen im Kindes- und Jugendalter sind mit einer höheren Rate an akuten Koronarsyndromen im Erwachsenenalter assoziiert.

Infektionen gelten seit Längerem als mögliche Trigger einer Atherosklerose. Dieser Zusammenhang ist allerdings sehr schwer untersuchbar, weil sich die Gefäßveränderungen bei der Atherosklerose über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entwickeln. Bei der Jahrestagung der Acute Cardiovascular Care Association (ACCA), eines Ablegers der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, stellte Dr. Andriany Qanitha vom Academic Medical Center in Amsterdam die Ergebnisse einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie vor, mit der die Wissenschaftlerin versucht hat, sich dieser Frage klinisch zu nähern.

Qanitha befragte 153 Patienten eines Krankenhauses in Makassar, Indonesien, die vor dem 56. Lebensjahr ein akutes Koronarsyndrom (ACS) entwickelt hatten, im Hinblick auf schwere Infektionen im Kindesalter und als Heranwachsende, definiert als Fieber für mindestens drei Tage oder Krankenhausaufenthalt wegen einer Infektionserkrankung. Genannt wurden unter anderem Typhus, Masern, Windpocken, Bronchitis, Tuberkulose und Dungue-Fieber. Wer über eine schwere Infektion in mindestens zwei von vier Lebensabschnitten bis zum 21. Lebensjahr berichtete, galt im Sinne der Studie als mit Infektionskrankheiten stark vorbelastet, alle anderen nicht.

Den ACS-Patienten wurden dann populationsbasiert 153 Kontrollprobanden gleichen Alters und Geschlechts zugeordnet. Da es eine populationsbasierte Kontrollgruppe war, hatten auch in dieser Gruppe einige ein ACS, aber nicht alle. Die Kontrollprobanden wurden ebenfalls nach Infektionen in der Kindheit befragt. Um möglichst zuverlässige Daten zu generieren, füllten jeweils auch Familienangehörige Fragebögen aus. Zusätzlich zur Infektionsanamnese erfolgte eine komplette kardiovaskuläre Risikofaktorerhebung.

In der ersten, nicht adjustierten Analyse zeigte sich, dass schwere Infektionen in Kindheit und Jugend mit einem 2,67-fach erhöhten ACS-Risiko einhergingen. Das war statistisch ebenso signifikant wie bei insgesamt vier Modellen mit Risikofaktoradjustierung. Bei drei von vier adjustierten Modellen war das ACS-Risiko bei Infektionen in der Kindheit um etwa das Zweieinhalbfache erhöht, bei einem Modell sogar um gut das Vierfache.

Als die Wissenschaftlerin schließlich die Studienteilnehmer auf Basis des Framingham-Risiko-Scores nach Risikoklassen (niedrig/intermediär/hoch) stratifizierte, machte sie eine interessante Entdeckung: Der Einfluss der Infektionen in der Kindheit auf das ACS-Risiko war umso höher, je höher das sonstige kardiovaskuläre Risiko war. Konkret: Während Infektionen in der Kindheit bei Menschen mit sonst niedrigem kardiovaskulärem Risiko das ACS-Risiko nur um rund die Hälfte erhöhten, gingen die Infektionen bei hohem Risiko nach Framingham mit einer Verzehnfachung des ACS-Risikos einher.

„Eine mögliche Erklärung für diese Befunde ist, dass Infektionen in der Kindheit chronische Entzündungsprozesse initiieren und die Atherosklerose so begünstigen“, sagte Qanitha in Wien. Definitiv klären lässt sich ein kausaler Zusammenhang mit diesem Studiendesign natürlich nicht. Qanitha wies auch darauf hin, dass die Ergebnisse nicht zwangsläufig auf Länder mir weniger hohen Infektionsraten als Indonesien übertragen werden könnten. 

Literatur

Andriany QANITHA et al. Acute Cardiovascular Care 2015, 17.–19. Oktober 2015, Wien; Abstract P129

European Society of Cardiology; Pressemeldung vom 17. Oktober 2015