Nachrichten 21.05.2020

Weniger Komplikationen mit kabellosem Herzschrittmacher

Eine kabelloser Herzschrittmacher hat in puncto Sicherheit in einer großen Vergleichsstudie gut abgeschnitten: Die damit einhergehende Rate an  Komplikationen war nach sechs Monaten um mehr als 60% niedriger als nach Implantation transvenöser Schrittmachersysteme.

Das ohne transvenöse Elektrodenkabel auskommende Micra-Schrittmachersystem (Medtronic) hat sich bereits in Registerstudien wie Micra-IDE (Micra investigational device exemption study) und Micra-PAR (Micra Post Approval Registry) im Vergleich zu konventionellen Schrittmachern bezüglich der Rate an Komplikationen als vorteilhaft erwiesen.

Dieser Sicherheitsvorteil konnte nun in der Micra-CED-Studie (Micra Continued Evidence Development) auch unter Alltagsbedingungen der klinischen Routinepraxis bestätigt werden. Trotz eines durch mehr Begleiterkrankungen bedingten höheren Ausgangsrisikos waren am Ende bei Patienten, die das Micra-System erhalten hatten, deutlich weniger Schrittmacher-bezogene Komplikationen zu verzeichnen als bei mit transvenösen Herzschrittmachern versorgten Patienten. 

Dr. Jonathan Piccini vom Duke University Medical Center in Durham hat die Micra-CED-Ergebnisse bei der „virtuellen”, d.h. rein digital präsentierten Jahrestagung 2020 der Heart Rhythm Society (HRS) vorgestellt.

Mehr als 5.700 Patienten erhielten kabellosen Schrittmacher

Basis der Analyse bildeten Daten von Patienten mit Schrittmacher-Indikation (alleinige VVI-Stimulation) aus der staatlichen US-Krankenversicherung Medicare für US-Bürger im Alter über 65 Jahre. Verglichen wurden 5.746 Patienten, die im Rahmen des Medicare-Programms den sondenlosen Micra-Schrittmacher erhalten hatten, mit 9.662 Patienten, bei denen ein konventioneller transvenöser Schrittmacher implantiert worden war.

Obwohl die Patienten der Micra-Gruppe im Schnitt drei Jahre jünger waren als die Patienten der Vergleichsgruppe (79,7 vs. 82,0 Jahre), bildeten sie aufgrund vermehrter Begleiterkrankungen wie KHK, COPD und Niereninsuffizienz das kränkere Kollektiv. Zum Ausgleich bestehender Unterschiede zwischen beiden Gruppen nahmen die Studienautoren diverse Adjustierungen (propensity score overlap weights) vor.

Bezüglich der Gesamtrate aller beobachteten Akutkomplikationen innerhalb der ersten 30 Tage nach Implantation bestand in der adjustierten Analyse kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen (7,7% vs. 7,4%). Geräte-bezogene Komplikationen waren in der Micra-Gruppe seltener (1,4% vs. 2,5%), Probleme an der Punktionsstelle (1,2% vs. 0,3%) sowie Perikardergüsse/kardiale Perforationen (0,8% vs. 0,4%) dagegen häufiger als in der Gruppe mit herkömmlichen Schrittmachern.

Komplikationsrate um 66% niedriger

Nach sechs Monaten betrug die Komplikationsrate 3,3% in der Micra-Gruppe und 9,4% in der Gruppe mit transvenösen Herzschrittmachern (Hazard Ratio, HR: 0,34; 95%-Konfidenzintervall: 0,28-0,43, p < 0,001). 

Der Unterschied entspricht einer signifikanten relativen Risikoreduktion bezüglich Komplikationen um 66% durch den kabellosen Schrittmacher („leadless pacer“). Ausschlaggebend dafür war der Unterschied bei der Pneumothorax-Rate, die in der Gruppe mit konventionellen Schrittmachern überraschend hoch war (5,4% vs. 0%).

Die Rate für erneute Eingriffe an den Schrittmachern (Revisionen) war nach sechs Monaten in der Micra-Gruppe zwar numerisch, aber nicht signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe (1,7% vs. 2,8%; HR: 0,63; 95%-KI: 0,36-1,12, p=0,12). Die Raten für die Gesamtmortalität waren in beiden Gruppen nahezu identisch (HR: 1,00; 95%-KI: 0,89-1,12, p = 0,93).

1-Kammer-Stimulation schränkt Anwendung derzeit ein

Die kardiale Stimulation durch kabellose Herzschrittmacher, die per Katheter im rechten Ventrikel platziert und dort direkt an der Herzwand fixiert werden, ist eine vielversprechende Innovation in der kardialen Device-Therapie. Da keine subkutane Tasche für das Aggregat und keine transvenös zum Herzen führenden Elektroden benötigt werden, bleiben damit verbundene Komplikationen wie Infektionen oder Dislokationen den Patienten erspart. Solche Komplikationen betreffen nach Angaben Piccinis im Laufe der Zeit etwa jeden 8. Patienten mit konventionellen Schrittmachersystemen.

Entscheidende Limitierung der derzeit verfügbaren kabellosen Schrittmacher ist allerdings, dass sie nur für eine rein ventrikuläre 1-Kammer-Stimulation infrage kommen. Das grenzt ihre Anwendbarkeit auf einen relativ kleinen Kreis von Patienten ein. In der Praxis sind das zumeist ältere Patienten mit bradykardem Vorhofflimmern oder Patienten mit schwierigem Zugang für konventionelle Schrittmachersysteme.

Literatur

Piccini JP. Comparison of outcomes among patients implanted with a tined leadless versus transvenous single-chamber ventricular pacemaker in the novel Micra CED study. Heart Rhythm Society Scientific Sessions 2020 (HRS 2020 Scientific Sessions virtual), online 8. Mai 2020

Neueste Kongressmeldungen

COVID-19 bei Athleten – das Dilemma der Sportfreigabe

Bei der vor allem für Hochleistungssportlerinnen und -sportler so wichtigen Entscheidung über die Freigabe „return to sports“ stehen Ärzte vor einem Dilemma. Einerseits will man mit Untersuchungen Sicherheit schaffen, andererseits ist die Aussagekraft einiger Befunde zweifelhaft.

ICD bei Herzinsuffizienz: Immer noch ein notwendiger Lebensretter?

Wird der implantierbare Defibrillator (ICD) angesichts einer immer besser gewordenen Therapie bei Herzinsuffizienz als Schutz vor plötzlichem Herztod noch gebraucht? Eine neue Studienanalyse legt einen Nutzen auch im Kontext einer modernen Herzinsuffizienz-Therapie zumindest nahe.

Erstmals gezeigt: Linksventrikuläre Leitungsstörungen sind vermeidbar

Linksventrikulären Leitungsstörungen lässt sich anscheinend durch eine intensive Blutdrucksenkung wirksam vorbeugen. Dafür sprechen aktuelle Ergebnisse einer Subanalyse der viel diskutierten SPRINT-Studie.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautete das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. In über 300 wissenschaftliche Sitzungen konnten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu den Kernthemen der Kardiologie informieren. 

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Wie eine Fischgräte ins Perikard gelangen kann

Ein 37-jähriger Mann wird wegen Brustschmerzen und Dyspnoe ins Krankenhaus eingewiesen. Dort machen die Ärzte eine erstaunliche Entdeckung im Perikard, für die sie nur eine Erklärung haben.

Zyklus beeinflusst Herzrhythmus von Frauen mit Long-QT

Während eines Menstruationszyklus verändern sich die Hormon-Spiegel. Bei gesunden Frauen haben solche Schwankungen keinen bedeutsamen Einfluss auf den Herzrhythmus. Bei Frauen mit Long-QT-Syndrom neuesten Daten zufolge offenbar schon.

Wie fliegende Ärzte die Schlaganfall-Therapie optimieren können

Wie ein Zeitgewinn von 90 Minuten bei der endovaskulären Therapie von Patienten mit ischämischem Schlaganfall in einer ländlichen Region zu erreichen ist, zeigt ein Pilotprojekt in Bayern.

Aus der Kardiothek

ACC-Kongress 2022 im Rückblick: Die wichtigsten Studien für Sie kommentiert

Beim ACC-Kongress in Washington wurden zahlreiche Studien vorgestellt: zur Prävention, interventionellen Behandlung, Rhythmologie usw.. Experten vom Leipziger Herzzentrum haben die wichtigsten Ergebnisse für Sie zusammengefasst, und kommentieren deren Relevanz für Ihren Praxisalltag.

Patientin mit Durchblutungsstörung am Auge – was sehen Sie im Herzecho?

Bei einer Patientin mit chorioretinaler Durchblutungsstörung des linken Auges erfolgte eine transösophageale Echokardiographie mit biplanarer Darstellung im B-Bild und Farbdoppler. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 0°, CAU 30 °) einer 80-jährigen Patienten mit NSTEMI und hochgradig eingeschränkter systolischer LV-Funktion.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Kardiothek/© kardiologie.org
Webinar zum ACC-Kongress 2022/© Kardiologie.org [M]
Kardio-Quiz April 2022/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-Quiz März 2022/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg