Nachrichten 08.10.2021

Ist Eisenmangel auch bei Gesunden ein kardiovaskulärer Risikofaktor?

Eisenmangel geht bei Patienten mit Herzerkrankungen mit einer schlechteren Prognose einher. Jetzt gibt es Hinweise, dass er auch bei gesunden Personen mit kardiovaskulären Risiken assoziiert sein könnte.

In früheren Studien korrelierte ein Eisenmangel bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen mit einem gesteigerten Risiko für Klinikaufenthalte und Mortalität. Eine intravenöse Eisentherapie verbesserte in einer Untersuchung die Symptome von Herzinsuffizienzpatienten, ihre körperliche Funktion und Lebensqualität. Zudem deutet die im Jahr 2020 veröffentlichte randomisierte AFFIRM-AHF-Studie auf einen klinischen Nutzen einer solchen Maßnahme hin. Einer aktuellen europäischen Kohortenstudie zufolge könnte die Prävention von Eisenmangel auch bei nicht Vorerkrankten das Auftreten von koronarer Herzkrankheit (KHK) verhindern.

Ein Forscherteam um Dr. Benedikt Schrage vom universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg untersuchte, ob in der allgemeinen Bevölkerung Zusammenhänge zwischen Eisenmangel und der kardiovaskulären Prognose bestehen. Es wurden mehr als 12.000 Personen einbezogen, diese waren im Schnitt 59 Jahre alt. Zu Studienbeginn wurden kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Raucherstatus, Adipositas, Diabetes und Cholesterinwerte ermittelt. Zudem untersuchten die Mediziner, ob die Teilnehmer unter absolutem (Ferritin) oder funktionellem Eisenmangel (Ferritin und Transferrin) litten. Über einen Zeitraum von gut 13 Jahren wurden Schlaganfälle, KHK und Todesfälle erfasst.

Fast zwei Drittel haben Eisenmangel

60% der Teilnehmer hatten zu Studienbeginn einen absoluten, 16% eine schweren absoluten und 64% einen funktionellen Eisenmangel. Während der Nachbeobachtungszeit verstarben 18% der Teilnehmer, 5% aufgrund kardiovaskulärer Ursachen. Knapp 9% entwickelten eine KHK und 6% Schlaganfälle.

Ein funktioneller Eisenmangel ging im Vergleich zu keinem funktionellen Eisenmangel mit einem um 24% erhöhten KHK-Risiko, einem um 26% gesteigerten Risiko für kardiovaskuläre Mortalität und einem 12% erhöhten Gesamtmortalitätsrisiko einher. Absoluter Eisenmangel gegenüber keinem absoluten Eisenmangel war mit einem um 20% erhöhten Risiko für KHK assoziiert, jedoch nicht mit der Mortalität. Schwerer absoluter Eisenmangel ging mit einem um 28% gesteigerten Risiko für Gesamtmortalität einher. Zwischen Eisenmangel und dem Auftreten von Schlaganfällen gab es keine Korrelationen.

Mehr Eisen, weniger Herzerkrankungen?

Die Berechnungen der Forscher ergaben auch, dass etwa 5% aller Todesfälle, 12% der kardiovaskulären Todesfälle und 11% der neu diagnostizierten KHK in den folgenden zehn Jahren nicht aufgetreten wären, wenn zu Studienbeginn kein funktioneller Eisenmangel vorgelegen hätte. Die Ergebnisse wurden auf Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Cholesterinwerte, Blutdruck, Diabetes, Body-Mass-Index und Entzündungsmarker adjustiert.

„In dieser Kohorte mittleren Alters war ein Eisenmangel sehr verbreitet. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein funktioneller Eisenmangel ein relevanter Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist“, lautet das Fazit der Forscher um Schrage. Ihnen zufolge sollten diese Assoziationen in weiteren Studien mit jüngeren und nicht europäischen Teilnehmern untersucht werden. Bestätigten sich die Zusammenhänge, sei der nächste Schritt eine randomisierte Studie zu den Effekten einer Behandlung von Eisenmangel bei nicht Vorerkrankten.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen Eisenmangel und dem Vorkommen von Herzerkrankungen festgestellt werden, aber die Ergebnisse sind ein weiterer Hinweis darauf, dass dieser möglicherweise bestehen könnte.

Literatur

Morbach C et al. Prevalence and determinants of the precursor stages of heart failure: results from the population-based STAAB cohort study. European Journal of Preventive Cardiology 2020. https://doi.org/10.1177/2047487320922636

ESC-Pressemitteilung: Iron deficiency in middle age is linked with higher risk of developing heart disease. 06.10.2021.

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