Nachrichten 10.07.2019

Schulbildung, Lebensstil, Herzinfarktrisiko: Forscher finden überraschende genetische Zusammenhänge

Schulbildung und Lebensstil wirken sich auf das Herzinfarktrisiko aus. Doch inwieweit sind genetische Faktoren dafür verantwortlich? Das untersuchten deutsche und englische Forscher jetzt in einer aktuellen Studie.

Dass eine bessere Schulbildung mit einem geringeren Risiko für Herzkreislauferkrankungen im späteren Leben einhergeht, haben Studien bereits gezeigt. Personen, die länger die Schule oder Universität besuchten, waren weniger gefährdet, ungesunde Gewohnheiten zu entwickeln.

Jetzt wollten Forscher wissen, ob das nur an der Bildung liegt oder ob die Gene dabei auch eine Rolle spielen. Ihre auf Genetik basierende Untersuchung weist darauf hin, dass das geringere kardiovaskuläre Risiko nur teilweise mit der Schulbildung zusammenhängt. Die Arbeitsgruppe um Prof. Heribert Schunkert vom Deutschen Herzzentrum München beschäftigte sich vor allem mit Erbfaktoren, die zu schulischem Erfolg führen können. Neben den Lebensumständen scheinen diese, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, mitverantwortlich zu sein für den Bildungsweg eines Menschen. So konnten die Forscher den Zusammenhang zwischen Schulbildung und Herzinfarktrisiko genauer untersuchen.

Ungünstige Erbfaktoren, erhöhtes Herzinfarktrisiko

In vorherigen Studien hatten Forscher des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung bei Herzinfarktpatienten im Vergleich zu Gesunden weniger Erbfaktoren gefunden, die zu schulischem Erfolg verhelfen können. Die Arbeitsgruppe der aktuellen Studie entdeckte, dass Menschen, die zu den 20% mit den wenigsten erfolgsversprechenden Genen gehörten, ein um 30% erhöhtes Herzinfarktrisiko hatten. Der Grund: Die Menschen mit schlechterer Schulbildung waren häufiger übergewichtig und Raucher. Das bestätigte vorherige Studien nun auch auf genetischer Ebene.

Das eigentlich Neue der Studie ist jedoch, dass auch unabhängig davon, ob die erfolgsversprechenden Gene tatsächlich zu einer besseren Schulbildung führten oder nicht, ihre protektive Wirkung erhalten blieb. Das bedeutet, jene vererbten Eigenschaften, die Menschen in ihrer Schullaufbahn erfolgreich werden ließen, bewirkten auch ein gesünderes Verhalten im späteren Leben und damit ein geringeres kardiovaskuläres Risiko, unabhängig vom Schulabschluss.

Wird Schulbildung als gesundheitsfördernder Faktor überschätzt?

Im Umkehrschluss hieße das auch, dass die Schulbildung hinsichtlich ihres positiven Einflusses auf die Gesundheit möglicherweise überschätzt wird. Nach Ansicht der Studienautoren sei Erfolg oder Misserfolg in der Schule eher ein Spiegelbild für die genetische Veranlagung, die einen Menschen lebenslang prägt, und auch nach der Schulzeit noch gesundheitliche Auswirkungen hat.

Die Forscher hatten Daten von mehr als 146.000 Personen analysiert, die aus der UK-Biobank stammten. Zuvor hatten sie einen genetischen Bildungsscore berechnet, basierend auf 74 genetischen Varianten, die mit schulischem Erfolg assoziiert waren. Bei den Teilnehmern untersuchten sie anschließend die Zusammenhänge zwischen dem errechneten Bildungsscore, der tatsächlichen Schulbildung, dem Risiko für koronare Herzkrankheit und einzelnen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und Hypertonie.

Literatur

Schunkert H et al. Genetically modulated educational attainment and coronary disease risk. European Heart Journal 2019. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz328

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Bildnachweise
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Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org