Onlineartikel 08.01.2015

Ist Sex immer noch ein Tabuthema?

Viele Kardiologen drücken sich um eine Beratung zum Thema Sex nach Myokardinfarkt. Das legt zumindest die VIRGO-Studie nahe, bei der junge Infarktpatienten gezielt nach ihrem Sexualverhalten und der Aufklärung durch die behandelnden Ärzte gefragt wurden.

Die VIRGO-Studie („Variation in Recovery: Role of Gender on Outcomes of Young AMI Patients“) ist eine im Februar 2013 abgeschlossene, prospektive Studie an 127 Krankenhäusern in den USA und Spanien. Primärer Studienzweck war eine bessere Charakterisierung von Myokardinfarkten bei jungen Frauen sowie ein Vergleich mit männlichen Infarktpatienten im selben Alter (18 bis 55 Jahre).

Sex nach dem Infarkt: Karenzzeit Fehlanzeige

Für die in der Zeitschrift Circulation publizierte Analyse wurden Daten von 2349 Frauen und 1152 Männern ausgewertet, die jeweils zu Studienbeginn und einen Monat nach dem Infarkt befragt wurden. Das mediane Alter beim Infarkt betrug 48 Jahre. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass bei Patienten dieses Alters die sexuelle Aktivität nach dem Infarkt zwar zunächst zurückgeht. Insgesamt werden sexuelle Handlungen aber doch sehr rasch wieder in den „Patientenalltag“ integriert.

54 Prozent der Frauen und 63 Prozent der Männer, die vor dem Infarkt sexuell aktiv waren, hatten innerhalb von vier Wochen nach dem Infarkt wieder Sex. Weitere 9 Prozent waren im Monat nach dem Infarkt sexuell aktiv, obwohl sie im Jahr zuvor keine Sexualkontakte hatten. Zwischen – je nach Geschlecht und Land – der Hälfte und zwei Dritteln aller befragten Infarktpatienten gaben einen Monat nach dem Infarkt an, mindestens ein- bis zweimal wöchentlich Sex zu haben.

Große Beratungsdefizite (nicht nur) bei Frauen

Vor diesem Hintergrund ist das ärztliche Aufklärungsverhalten etwas enttäuschend. Nicht einmal jeder fünfte Mann und sogar nur etwa jede zehnte Frau wurde vom Kardiologen auf das Thema „Sex nach Myokardinfarkt“ angesprochen. Einen Trend zur Besserung sieht die Erstautorin Dr. Stacy Tessler Lindau vom Programm für Integrative Sexualmedizin der Universität Chicago nicht: Wenn überhaupt, seien die Raten eher niedriger als bei einer älteren Befragung.

Was die konkreten Empfehlungen angeht, so dominierte eine gewisse Zurückhaltung. Nur jeder dritte Patient, mit dem der Arzt über Sex sprach, gab an, ihm seien keine Limits gesetzt worden. In einem weiteren Drittel der Gespräche wurde empfohlen, die Zahl der sexuellen Kontakte zumindest zu begrenzen. Bei jedem vierten Patienten riet der jeweilige Arzt zu einer eher passiven Rolle beim Geschlechtsverkehr. Und ebenfalls jedem vierten wurde empfohlen, beim Sex auf die Herzfrequenz zu achten. Die Autoren der VIRGO-Studie weisen darauf hin, dass zumindest auf Basis der Leitlinien kein Anlass bestehe, bei ärztlichen Empfehlungen zum Sex nach dem Infarkt restriktiv zu sein.

Literatur

Lindau ST et al. Sexual activity and counseling in the first month after acute myocardial infarction among younger adults in the United States and Spain: a prospective, observational study. Circulation. 2014;130(25):2302-9.