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20.04.2017 | Kardiologie | Nachrichten

Video zur DGK-Geschichte

Deutsche Gesellschaft für Kardiologie beleuchtet ihre Rolle im Nationalsozialismus

Autor:
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK)

Zum 90. Jahrestag ihrer Gründung setzt sich die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie intensiv mit der eigenen Vergangenheit auseinander. Drei Jahre lang hat der Medizinhistoriker Dr. Timo Baumann im Rahmen eines von der DGK beauftragten und finanzierten Projektes recherchiert und legt nun seine Erkenntnisse zur Rolle der DGK im Nationalsozialismus nun in Buchform vor. Präsentiert wurde das Werk am 20. April auf der DGK-Jahrestagung in Mannheim.

Neben der akribischen Darstellung organisatorischer, personeller und wissenschaftlicher Entwicklungen wählte der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf auch biografische Zugänge, um Schicksale verfolgter und aus der Fachgesellschaft ausgeschlossener Mitglieder wie auch NS-Verstrickungen etlicher Amts- und Preisträger aufzuarbeiten.

„Das vorgelegte Buch wird unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit dazu dienen, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der DGK auseinanderzusetzen“, erklärt DKG-Präsident Prof. Dr. Hugo A. Katus die Intention des Projekts.

Der Initiator des Projekts, Prof. Dr. Georg Ertl: „Lange Zeit gab es auch innerhalb der DKG Zurückhaltung, noch lebende Akteure dieser Zeit zu belasten oder das Andenken Verstorbener gewissermaßen zu beflecken. In der nun sehr spät erfolgten Analyse konnte Dr. Baumann den Blickwinkel des Historikers einnehmen, unbelastet von Rücksichtnahmen – allerdings auch ohne die Möglichkeit, noch Zeitzeugen zu befragen.“

Dank der weitgehend erhalten gebliebenen Quellen ist es dem Autor dennoch gelungen, ein differenziertes Sittenbild der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte zu zeichnen. So konnte er anhand der systematisch erfassten Mitgliederbewegungen dokumentieren, dass nahezu alle Mitglieder aus verfolgten Bevölkerungsgruppen ab 1933 nach und nach aus der Gesellschaft verschwanden. Darunter auch einer der Gründerväter der Gesellschaft, Ordinarius Bruno Zacharias Kisch. Prof. Kisch gelang rechtzeitig die Imigration in die USA. Wie Dr. Baumanns umfangreiche Recherchen dokumentieren, ist die Liste an Gesellschaftsmitgliedern, die in Konzentrations- und Internierungslagern der Nationalsozialisten umkamen, bedrückend lang.

Was Verstrickungen von Gesellschaftsmitgliedern in den Nationalsozialismus betrifft, entsteht meist das Bild des klassischen Mitläufers. „Echte rassistische Ausfälle im Sinne der NS-Ideologie waren in den gesichteten Schriftwechseln nicht zu finden“, so der Autor. „Ebenso selten ist aber eine oppositionelle Haltung oder Kritik erkennbar“.

Breiten Raum widmet das Werk der Aufarbeitung unethischen oder gar verbrecherischen ärztlichen Handelns. „In medizinisch-wissenschaftlicher Hinsicht ist ein Trend zur Anpassung an das NS-Regime eindeutig feststellbar“, fasst Dr. Baumann zusammen. Während des Krieges arbeiteten etliche Mitglieder an „kriegswichtigen“ Projekten, oft im Auftrag der Luftwaffe.

Dr. Schuster begrüßt Initiative der DGK

„In meiner Doppelfunktion als Internist und Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland begrüße ich es sehr, dass mehrere medizinische Fachgesellschaften in den vergangenen Jahren die unrühmliche Vergangenheit selbstkritisch aufgearbeitet haben. Es ist gut, dass auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie jetzt diesen Schritt getan hat“, so Dr. Josef Schuster. „Es hat eigentlich viel zu lange gedauert, bis sich die Fachgesellschaften mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Doch mit ihrer Bereitschaft, sich mit der Verstrickung in die NS-Verbrechen zu beschäftigen, haben sie einen wichtigen Kontrapunkt gesetzt. Nämlich einen Kontrapunkt zu jenen Kräften, die uns gerade einreden wollen, wir würden uns viel zu viel mit dem Nationalsozialismus befassen und sollten jetzt endlich stärker die ruhmreichen Zeiten der deutschen Vergangenheit ins Blickfeld rücken.“

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland zum Projekt der DGK


Literatur

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