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09.10.2016 | Kardiologie | Nachrichten

Fragen Sie ihren Spielehersteller

Risiken und Nebenwirkungen des Pokémon-Fiebers

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Die Hoffnung, das Handyspiel Pokémon Go motiviere seine Nutzer zu mehr Bewegung, scheint sich nicht zu bewahrheiten.

Als im August des Jahres 79 unserer Zeitrechnung der Vesuv ausbrach, erstickte die heiße Lava viele Bürger der Städte Pompeji und Herculaneum und bewahrte ihre in den letzten Lebenssekunden eingenommene Körperhaltung für alle Ewigkeit: Einige liefen weg und erstarrten dabei, andere beugten sich schützend über ihren wertvollsten Besitz – ein Kind oder eine Schatulle mit Sesterzen. Der Spielfilm „Pompeji“ mit Emily Browning und Kit Harrington trug 2014 noch eine weitere, leider fiktive Variante bei: Ein Liebespaar, auf der Flucht entscheidet sich, in einem für die Ewigkeit bewahrten Kuss, in einer finalen Umarmung gemeinsam unterzugehen.

Wenn nahe einer modernen Metropole 2016 ein Vulkan ausbräche und Menschen in ihrer typischen Körperhaltung versteinerte – die Archäologen in ferner Zukunft kämen ins Grübeln: Warum nur gingen diese Gestalten so krumm, mit tief gesenktem Kopf? Was bedeutete es, dass sie den rechten, seltener den linken Arm bis etwa auf Höhe des Brustkorbes erhoben hatten und offenbar auf den mittlerweile leeren Inhalt ihrer seltsam verkrampften Hand starrten? Und warum merkten die Unglücklichen – sehr im Gegensatz zu den Menschen in Pompeji und Herculaneum – nichts von der über sie hereinbrechenden Katastrophe? Litten sie alle an einer Form von Autismus?

Sklaven kleiner Geräte

Jenem fernen Zeltalter dürfte bekannt sein, dass die Menschen im frühen 21. Jahrhundert zu Sklaven kleiner Geräte geworden waren, denen sie ihr Leben anvertrauten: Vom Online-Shopping über die Orientierung mit GPS- oder Maps-Funktion, bis hin zum Zwischenmenschlichen, dem Chatten oder gar dem Kennenlernen eines Partners über Tinder. Das Smartphone war unersetzlich und weiter verbreitet als die Sandale und das Kurzschwert im Römischen Reich. Bilddokumente aus der Zeit kurz vor der Wahl von US-Präsident Trump zeigen Menschen allüberall, in der U-Bahn, auf dem Schulhof und in ärztlichen Wartezimmern über ihr Smartphone gebeugt.

Wenn sich wirklich einmal ferne Generationen mit unserer Sucht nach mobiler, permanenter Information, Kommunikation und Unterhaltung beschäftigen sollten, dürfte Pokémon Go schon längst vergessen sein. Das Gleiche gilt möglicherweise für einige Exponenten des Berufsstandes der Heiler, die der Freizeitvernichtungsmaschine Nummer eins des Jahres 2016 Positives abgewinnen konnten. Denn einige amerikanische Doktoren sehen momentan in dem Spiel einen unerhofften Förderer physischer und damit kardial wie vaskulär hochwillkommener Aktivität, die einer ansonsten allzu gern und allzu lange an elektronischen Geräten sitzenden Population wieder Beine machen kann.

„Nicht nur Spieler weltweit,“ so las man jüngst auf Spiegel online , „auch US-Kardiologen befinden sich im Pokémon-Fieber. Die American Heart Association (AHA) drückte unlängst ihre Freude über das Spiel in einer Mitteilung aus: ‚Pokémon Go‘ bringt Spieler dazu, sich in der echten Welt körperlich zu bewegen‘, so die Kardiologen auf ihrer Webseite. Dies sei eine Veränderung zu den stereotypen Spielen, bei denen die Menschen normalerweise fest vorm Bildschirm sitzen.“

Mehrere Experten erhärten diese kühne Einschätzung der Online-Publikation: „‚Es gibt jetzt schon klare Belege dafür, dass die Menschen in ihrem Alltag mehr laufen, wenn sie das Spiel nutzen‘, sagt Wie Peng, die an der Michigan State University arbeitet und den potenziellen Nutzen von Videospielen für die Gesundheit erforscht. Das Spiel könne so gerade für Menschen, die einen sitzenden Lebensstil pflegen, der erste Schritt zu mehr Aktivität sein, glaubt Peng.“

Monsterjagd per pedes

Bei Pokémon Go bringt ein GPS-Sensor im Smartphone den „User“ auf Trab – oder zumindest auf die Beine und weg vom heimischen Laptop. Er überträgt seine Laufwege aus der echten Welt auf seinen Avatar und eine Landkarte im Spiel. Nur wer zu Fuß durch die Gegend streift, kann Pokémons finden oder hilfreiche Gegenstände sammeln, um sie zu fangen. Hinzu kommen Funktionen, die von der körperlichen Aktivität des Spielers abhängen. Ein Ei etwa wird nur ausgebrütet, wenn die Nutzer mehrere Kilometer mit dem Handy zurückgelegt haben. Schummeln geht kaum, belehrt Spiegel online: Wer nicht laufen möchte, könne mit dem Fahrrad seine Strecke abfahren, was ja auch immerhin die Herzfrequenz erhöht und vom Sitzen atrophisch gewordene Muskeln fordert. Auto oder Bus seien aber zu schnell für die Monsterjagd.

Mancherorts nützen Auto und Bus auch nichts. In einigen Großstädten konzentriert sich die Monsterjagd auf bestimmte Bezirke – in Düsseldorf z. B. auf ein Segment der berühmten Königsallee – in solchem Ausmaß, dass die Stadtväter sich entschlossen, angesichts des Massenansturms der auf ihre Mobiltelefone glotzenden Menschen eine besonders pokemonintensive Brücke für den Autoverkehr zu sperren – mit dem unverwandten Blick aufs Display würden die Jäger noch nicht einmal mehr einen Linienbus wahrnehmen.

Das Dilemma deutet auch Spiegel online dezent an: „Zum einen verlangt das Spiel, dass die Nutzer fast unentwegt auf das Display des Handys starren. Zum anderen können Gegenstände und Pokémons, die die Spieler sammeln sollen, auch einmal auf der anderen Seite einer viel befahrenen Straße auftauchen.“ Selbst wenn diese Sorge bislang unbestätigt blieb – die NRW-Metropole bekam in ihrem Zentrum die typischen, nicht unbedingt ästhetischen Begleiterscheinung von Massenansammlungen zu spüren: Überquellende Papierkörbe und übervolle Mobiltoiletten, auf denen die Kunst gepflegt wurde, mit einer Hand zu tun, was mitunter (sofern Papier vorhanden) zu tun ist und gleichzeitig, an diesem denkbar ungünstigen Ort, nicht das Handy fallen zu lassen. Wo sie sich befinden, geht den Spielern meist an einem bestimmten Körperteil vorbei. Die Realität existiert kaum und so begegnet man der Prognose einer zitierten Expertin mit Skepsis: „Debra Lieberman von der University of California erhofft sich sogar, die Spieler noch zu anderer Bewegung zu motivieren. ‚Wenn die Menschen einmal mit dem Spazierengehen angefangen haben und merken, wie gut sich Aktivität anfühlt, könnte das der Anstoß sein, auch anderes auszuprobieren – etwa Fahrradfahren und Schwimmen‘, zitiert sie der Kardiologenverband.“ Das mit dem Schwimmen dürfte wohl nur verfangen, wenn die nächste Version unter Wasser spielt und die neue Generation angeblich wasserfester Smartphones auch wirklich im kühlen Nass funktioniert.

Gesundheitlicher Nutzen fraglich

Die Einschätzung, dass Pokémon Go gut für die Gesundheit sei, wird evtl. als Fußnote in die kurze und vor dem Hintergrund der Probleme des frühen 21. Jahrhunderts nichtige Geschichte des Spiels eingehen, das derzeit seinen Zenit bereits überschritten hat. Die Verkünder dieser Weisheit haben wohl keinen Blick in japanische Medien geworfen: Dort kam es nach 79 eher glimpflichen Fahrrad- und Autounfällen, die durch das Spiel abgelenkte Verkehrsteilnehmer verursachten, Ende August zum (vermutlich) weltweit ersten tödlichen Unfall, als in der Stadt Tokushima ein 39-Jähriger mit seinem Auto zwei Frauen tot fuhr, da er hinter dem Steuer auf das Handy anstatt auf die Straße starrte. 

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