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22.10.2016 | Kardiologie | Nachrichten

Was Kardiologen in der Freizeit tun

Von der Kardiologie zur Ornithologie

Autor:
Dr. Dieter Schwartze

Prominente Kardiologen des vergangenen Jahrhunderts fanden Ausgleich zu ihrer ärztlichen Tätigkeit bei vielfältigen Freizeitbeschäftigungen, von der Kunst bis zur Vogelbeobachtung.

Der Arztberuf zeichnet sich nicht nur durch seine Beziehung zu Natur- und Lebenswissenschaften wie Biologie, Soziologie und Psychologie aus. Vertreter dieses Berufsstandes haben oft auch eine Neigung zur musischen Beschäftigung: Eine entspannende Alternative zum oft sehr rationalen oder routinemäßigen Berufsalltag, wie folgende Beispiele aus der Vergangenheit zeigen:

Theater, Musik und Malerei

Der in Budapest geborene jüdische Arzt Janós Plesch (1878–1957) leistete vor allem ab 1903 als Assistent und Oberarzt der II. Medizinischen Klinik der Charité bei Geheimrat Prof Dr. Kraus bedeutsame Forschungsarbeiten. Darunter waren Arbeiten über den Zusammenhang von Kreislauf und Atmung sowie Gasanalysen, zur Bestimmung von Hämoglobin- und Blutmenge, zum Herzminutenvolumen und zur Herzarbeit und Entwicklung der Kolorimetrie mithilfe des „Kolbenkeilhämometers“. Außerdem leistete er wertvolle Beiträge zur Aufklärung der Caisson-Krankheit.

Zuvor hatte er bereits als Student die Finger-Finger-Perkussion (Tastperkussion) entwickelt und als Mitarbeiter von B. Naunyn erste Berichte über die physiologische und pathologische Wirkung radioaktiver Substanzen veröffentlicht. Später, in seiner Exilzeit in Großbritannien standen Veröffentlichungen zur Hypertonologie und Arteriosklerose im Vordergrund.

Privat interessierte sich Plesch lebenslänglich für Theater, Musik und vor allem Malerei. Er war vor allem Freund und Förderer von Max Slevogt (1868–1932) und Emil Orlik (1870–1932). Bei Orlik erhielt Plesch Malunterricht und nach dem Tod von Slevogt veröffentlichte Plesch einen Artikel „Über Slevogt“ (Kunst für Alle). 1952 schrieb Plesch das Buch „Rembrandt im Rembrandt“.

Ornithologische Höhenflüge

Sir Thomas Lewis (1881–1945) gehörte zu den frühen Pionieren der kardiologischen Grundlagenforschung und Elektrokardiografie mit dem besonderen Schwerpunkt Herzrhythmusstörungen. Später verlegte er seine Forschungsschwerpunkte auf vaskuläre Reaktionen der Haut und Erkrankungen der peripheren Gefäße, wodurch er auch zu einem der Väter der klinischen Angiologie wurde.

Sein privates Interesse galt der Vogelkunde. So veröffentlichte er „Hinweise zu den Zuchtgewohnheiten der Zwergseeschwalbe“ (The Auk, Vol. 38/1; 1921) und genoss auf seiner dritten Vorlesungsreise durch die USA 1931 die gemeinsame Vogelbeobachtung mit Dr. Frank N. Wilson in Ann Arbor.

Vogelstimmen, Fotografie, Astronomie und optische Geräte

Frank N. Wilson (1890–1952) kam während des 1. Weltkrieges mit einer Gruppe amerikanischer Ärzte nach England und arbeitete im Rehabilitationshospital unter Leitung von Thomas Lewis. Lewis wurde für Wilson ein Lehrer und Freund auf Lebenszeit.

Als Elektrokardiologe beschäftigte sich Wilson vor allem mit Veränderungen des Kammerkomplexes im EKG. Er stellte die Theorie von der progressiven Myokardaktivierung vom Endokard zum Epikard auf und konnte den Wert der explorierenden Elektrode gegen die indifferente Elektrode (central terminal) nachweisen (Lit.: D. Schwartze, Z. gesamte Inn. Med. 46;160–163;1991).

Wilson war ähnlich wie Lewis ein begeisterter Ornithologe. So veröffentlichte er 1929 einen Aufsatz über „Eine intime Beobachtung der Nistgewohnheiten und des Nestes des Seetauchers, mit einigen feinen Fotografien des Weibchens und des Nestes“ (Bird-Lore 31/2, März/April 1929) und im Folgejahr „Dickcissel´s Geheimnis, Nistplätze im südlichen Michigan“ (Bird-Lore 32/5,Sept./Okt. 1930).

Nachdem Wilson 1948 an einer schweren Tuberkulose erkrankte, nutzte er den Sanatoriumsaufenthalt und schrieb ein Büchlein über Vogelstimmen (persönliche Mitteilung von R. Zuckermann Okt. 1979). Weitere Interessen von Wilson erstreckten sich auf Fotografie, Astronomie und die Sammlung optischer Geräte.

Bruno Kisch (1890–1966) war ab 1925 als Ordinarius für Physiologie in Köln ein Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung (1927) und während der Emigration des American College of Cardiology (1949). Kisch führte in die Forschung zur Ultrastruktur und Funktion des Herzmuskels 1952 die Elektronenmikroskopie ein und beschrieb die Granula des Vorhofs.

Autor und Numismatiker

Neben der medizinischen Arbeiten veröffentlichte Kisch 1916 ein Heft über die Kriegserlebnisse („Herbe Blüten. Kriegserlebtes“, Köppe und Bellmann), das Buch „Naturwissenschaft und Weltanschauung“ (Leipzig 1931) und seine Autobiografie „Wanderungen und Wandlungen“ (Greven-Verlag Köln 1966).

Ein besonderes Interesse galt der Numismatik, wovon der Aufsatz „Shekel Medal & False Shekel“ in den Historica Judaica (Vol. III, Okt. 1941, New York, S. 67–101) und vor allem das Standardwerk „Scales & Weights“ (London Yale University Press, 1965, XXI, 297 S.) dauerhaft Zeugnis ablegen.

Liedgut der Familie

Auf den Begründer der Vektorkardiografie Fritz Makiri Schellong (1891–1953) wurde unlängst (Cardio News 03/2016 S. 34) hingewiesen, und auch bereits dessen musikalische Neigungen erwähnt. Die Manuskripte von 27 in den Jahren 1910–1916 entstandenen Liedern sind im Familienbesitz erhalten geblieben. 

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