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11.12.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Völlig nierenlos?

Kardiovaskuläre Studien ignorieren Patienten mit Nierenschäden

Autor:
Philipp Grätzel

Wie repräsentativ sind klinische Studien? Diese Frage stellt sich immer wieder. Eine Analyse randomisierter klinischer Studien zeigt: Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sind in der klinischen Herz-Kreislauf-Forschung massiv unterrepräsentiert.

Wissenschaftler um Dr. Ioannis Konstantinidis von der Icahn School of Medicine in Mount Sinai, New York, haben in einem als „Research Letter“ in der Zeitschrift JAMA Internal Medicine publizierten, systematischen Review untersucht, wie es um die Teilnahme von Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion an klinischen Studien in der kardiovaskulären Medizin bestellt ist.

Zwei ähnliche Auswertungen zu den Jahren bis 2005 existieren bereits. Damals hatte sich gezeigt, dass Patienten mit moderater bis schwerer Niereninsuffizienz, die bis zu 15% aller kardiovaskulären Patienten ausmachen, in 75% der kardiovaskulären klinischen Studien von Vornherein nicht zugelassen wurden.

371 Studien auf Beteiligung analysiert

Hat sich daran etwas geändert? Eher nicht, sagen die Autoren, die für ihre aktuelle Publikation 371 randomisierte Studien mit insgesamt knapp 600.000 Patienten ausgewertet haben, die zwischen Anfang 2006 und Ende 2014 veröffentlicht wurden.

Die Wissenschaftler haben sich dabei auf Studien zu akutem Koronarsyndrom oder zur Herzinsuffizienz konzentriert. Von diesen 371 Studien schlossen 212, also fast zwei Drittel, Patienten mit Nierenerkrankungen von der Studienteilnahme aus. Aussortiert wurden die Patienten dabei in der Mehrzahl der Fälle auf Basis des Serumkreatinin-Werts. Nur knapp zehn Prozent der Studien machten sich die Mühe, die glomeruläre Filtrationsrate abzuschätzen.

Die Neigung, Nierenpatienten zu berücksichtigen, war abhängig vom Ort und von der Finanzierungsquelle der Studien. In industriegesponsorten Studien war die Wahrscheinlichkeit, dass Nierenpatienten berücksichtigt wurden, größer als in Studien mit industrieunabhängiger Finanzierung. Und bei Studien, die in Europa stattfanden, hatten Nierenpatienten bessere Karten als bei Studien in Nordamerika.

Ausschluss kann auch begründet sein

Nadkarni und Kollegen betonen, dass es im Einzelfall gute Gründe geben könne, Nierenpatienten von einer klinischen Studie auszuschließen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Medikamente ausschließlich über die Niere ausgeschieden werden. Die Neigung, Nierenpatienten von klinischen Studien auszuschließen, gehe aber weit über diese Situationen hinaus. So gebe es viele Beispiele für Studien, die Lebensstilinterventionen oder medizintechnische Interventionen überprüften und Nierenpatienten ausschlossen.

Die Wissenschaftler haben sich auch angesehen, wie häufig in klinischen ACS-/Herzinsuffizienz-Studien, in denen Nierenpatienten zugelassen sind, relevante Unterschiede zu Patienten ohne komorbide Nierenerkrankungen gefunden werden. Dies war etwa bei jeder siebten bis achten Studie der Fall, also eher selten. Insgesamt spreche einiges dafür, dass die Planer klinischer Studien in der Herz-Kreislauf-Medizin in Sachen Niereninsuffizienz übervorsichtig seien, so die Autoren.

Literatur