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18.12.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Neue Leistung im EBM für Kardiologen

Krankenkassen treten bei der Telemedizin auf die Bremse

Autor:
Hauke Gerlof

Im Versorgungsstrukturgesetz ist der Selbstverwaltung aufgegeben worden, Telemedizin-Leistungen in den EBM aufzunehmen. Die erste Leistung ist jetzt umgesetzt, die Ergebnisse sind umstritten.

Die Überwachung von Patienten mit einem Defibrillator oder CRT-System wird als erste telemedizinische Leistung in den EBM aufgenommen. Startpunkt für die neue Leistung soll der 1. April 2016 sein, so ein Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 15. Dezember 2015. Damit könnten Kardiologen ab dem zweiten Quartal kommenden Jahres die Funktionsfähigkeit bestimmter kardiologischer Implantate auch telemedizinisch in der Praxis überprüfen und als EBM-Leistung abrechnen, heißt es in einer Mitteilung der KBV. Zu den Geräten, die dann fernüberwacht werden können, gehören außer implantierten Kardiovertern/ Defibrillatoren auch implantierte Systeme zur kardialen Resynchronisationstherapie (CRT-Systeme).

Die neue Leistung für Kardiologen trägt die EBM-Nr. 13554 und ist mit 279 Punkten bewertet. Für Kinderkardiologen gibt es die neue EBM-Nr. 04417, sie ist mit 511 Punkten bewertet. Vorausgesetzt für die Abrechnung wird ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt im Jahr zur Überwachung des Implantats (EBM-Nr. 13552 und 04418). Falls nötig, kann ein telefonischer Arzt-Patienten-Kontakt mit der neuen EBM-Nr. 01438 (88 Punkte) abgerechnet werden. Die Leistungen werden innerhalb der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) honoriert.

„Endlich ist der Einstieg in die Telemedizin gelungen“ begrüßte KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen den Beschluss laut Mitteilung. Er wies darauf hin, dass die KBV seit der gesetzlichen Vorgabe im SGB V im Jahr 2012 mehrere Vorschläge für telemedizinische Leistungen in die Beratungen eingebracht habe, die die Kassen jedoch immer wieder abgelehnt hätten. Das KBV-Konzept habe auch die telemedizinische Kontrolle von Herzschrittmachern vorgesehen. Gassen: „Gerne hätten wir einen größeren Schritt getan, aber immerhin haben wir nun einen Anfang machen können.“

Tatsächlich bedeutet der Ausschluss von Patienten mit Herzschrittmachern für diese Gruppe eine deutliche Verschlechterung des Status quo. Denn bereits bisher war über die EBM-Nr. 13552/04418 eine telemetrische Abfrage möglich. Diese Option, die in der Versorgungspraxis von Herzschrittmachern eine große Rolle spielt, ist jetzt gestrichen worden. „Völlig unverständlich“ nennt Kardiologe Dr. Hans-Friedrich Spies auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“ diese Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses.

Spies, der auch Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI) ist, sieht vor allem für alte, schwerkranke Patienten jetzt hohe zusätzliche Belastungen, da diese ab April zur Kontrolle der Herzschrittmacher nun obligatorisch in die Praxen kommen müssten. Die Herzschrittmacher mit Fernabfragemöglichkeit würden mittlerweile immer häufiger eingesetzt.

Kommentar: Fehlstart in die Telemedizin.

Vor fast vier Jahren hat die Selbstverwaltung den gesetzlichen Auftrag erhalten, festzustellen, welche Leistungen aus dem EBM telemedizinisch erbracht werden können. Das, was jetzt nach 48 Monaten herausgekommen ist und von der KBV als Einstieg in die Telemedizin im EBM verkauft wird, macht fassungslos. Dem Gesetzgeber, den Ärzten und den Patienten wird eine neue Leistung präsentiert, die nichts anderes ist als ein Potemkinsches Dorf: Hinter den Fassaden ist nichts zu finden, das der Telemedizin dient – außer vielleicht, dass es nun überhaupt eine Telemedizin-Ziffer gibt, zu der weitere hinzukommen könnten. Über den Umweg der EBM-Nr. 13552 hat sich die telemedizinische Überwachung von Herzschrittmachern und Defibrillatoren in der Realität zu einem von vielen Kardiologen genutzten Beispiel für die effizienzsteigernden Möglichkeiten der Telemedizin entwickelt. Die Ressource Arzt wird geschont, die Patienten werden besser versorgt. Und von den KVen ist dieses Modell offenbar weithin akzeptiert worden. Dass diese Versorgungsvorteile offenbar auf Druck der Kassen für die große Gruppe der Herzschrittmacherpatienten gestrichen werden, ist nicht nachvollziehbar, denn in der Versorgungsrealität ist das ein Rückschritt. So werden Aufträge des Gesetzgebers ad absurdum geführt. Der nächste Auftritt für den Staatskommissar?
Hauke Gerlof

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