Nachrichten 11.05.2018

Orthostatische Hypotonie sagt kardiovaskuläre Ereignisse voraus

Menschen, bei denen der Blutdruck nach dem Aufstehen stark fällt, haben im Langzeitverlauf ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse aller Art. Das gilt auch dann, wenn keine Hypertonie und kein Diabetes mellitus vorliegt.

Bei so gut wie jedem Menschen fällt der Blutdruck ab, wenn sich der Körper aus dem Sitzen oder Liegen in die Vertikale begibt. Bei manchen Menschen allerdings fällt er so stark ab, dass es ein klinisches Problem wird. Typischerweise wird die Grenze für diese „orthostatische Hypotonie“ bei einem Blutdruckabfall von mehr als 20 mmHg systolisch und/oder 10 mmHg diastolisch gezogen.

Gefahr von Synkopen 

Patienten mit Diabetes und auch Patienten mit arterieller Hypertonie sind von orthostatischer Hypotonie häufiger betroffen als andere, und bei diesen Patienten ist der starke Blutdruckabfall beim Aufstehen prognostisch ungünstig: Synkopen treten häufiger auf, auch die Mortalität ist höher. 

Weniger klar war bisher, ob es einen Zusammenhang zwischen orthostatischer Hypotonie und kardiovaskulären Ereignissen gibt, und wenn ja, wie genau dieser Zusammenhang aussieht.

Wissenschaftler aus mehreren kardiovaskulären Zentren in den USA haben sich das jetzt anhand eines Langzeit-Follow-ups der epidemiologischen ARIC (Atherosclerosis Risk in Communities)-Kohorte genauer angesehen. Die ARIC-Kohorte hatte in den Jahren 1987-1989 rekrutiert. Die aktuelle Auswertung bezieht sich auf einen Follow-up-Zeitraum von im Median 26 Jahren bei insgesamt 9.139 Probanden, die bei Einschluss in die Studie alle im mittleren Erwachsenenalter waren.

Doppelt so hohes Risiko für Herzinfarkt

In den Eingangsuntersuchungen wurde damals bei drei von einhundert Studienteilnehmern eine orthostatische Hypotonie diagnostiziert, gemessen innerhalb von zwei Minuten nach dem Aufstehen. Diese Diagnose korrelierte im Langzeit-Follow-up mit einem annähernd verdoppelten Herzinfarktrisiko, einem um gut die Hälfte höheren Risiko einer Herzinsuffizienz, einem um 80 Prozent höheren Schlaganfallrisiko, einem fast dreifach erhöhten Risiko für Tod durch koronare Herzerkrankung und einer um knapp 70 Prozent erhöhten Gesamtsterblichkeit.

Die Betroffenen hatten im Vergleich zu Probanden mit normalem Blutdruckverhalten eine größere Intima-Media-Dicke, mehr Karotis-Plaques und häufiger erhöhtes Troponin-T bzw. NT-proBNP. Das alles war statistisch unabhängig von anderen bekannten kardiovaskulären Risikofaktoren und damit auch von arterieller Hypertonie und Diabetes mellitus, den beiden Erkrankungen, bei denen die Assoziation mit orthostatischer Hypotonie klar beschrieben ist.

Ärzte sollten sich erhöhtem Risiko bewusst sein

Die Gründe für den Zusammenhang zwischen orthostatischer Hypotonie und erhöhtem kardiovaskulärem Risiko bleiben bei einer epidemiologischen Kohorte naturgemäß unklar. Eine Möglichkeit sei, dass die orthostatische Hypotonie schlicht ein Marker für eine bereits bestehende kardiovaskuläre Pathologie ist. Biologisch plausibel sei aber auch, dass die orthotatische Hypotonie kausal an der Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen beteiligt sei, so die Autoren.

In jedem Fall sollten sich Ärzte, die eine orthostatische Hypotonie diagnostizieren, des erhöhten kardiovaskulären Risikos bewusst sein. 

So weisen die Autoren darauf hin, dass typische Therapieansätze bei orthostatischer Hypotonie wie ein Absetzen von Antihypertensiva oder eine natriumreichere Diät mit Blick auf die Langzeitprognose kontraproduktiv sein können. Zumindest sollte nach bis dahin nicht entdeckten kardiovaskulären Erkrankungen gezielt gesucht werden.

Literatur

Juraschek SP et al. Orthostatic Hypotension and Risk of Clinical and Subclinical Cardiovascular Disease in Middle-Aged Adults. J Am Heart Assoc 2018; 7:e008884

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