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09.05.2018 | Leitlinien | Nachrichten

Mehr als digitale Leitlinien

Neue DGK-Apps: Mobile Assistenten für den klinischen Alltag

Autor:
Philipp Grätzel

Mobile Apps, die Leitlinien aufs Smartphone holen, gibt es immer häufiger. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zielt mit ihrem neuen App-Angebot in eine andere Richtung: Sie will echte Entscheidungsunterstützung – und perspektivisch eine Integration in die IT-Systeme.

Schon seit Langem stellt die DGK den Kardiologen in Deutschland Pocket-Leitlinien zur Verfügung, die bei diversen Indikationen die wichtigsten Punkte der „großen“ Leitlinien zusammenfassen und häufig anhand von Schemata und Therapiealgorithmen greifbar machen. „Diese Pocket-Leitlinien gibt es in den App-Stores auch in digitaler Form“, sagt Prof. Dr. Peter Radke von der Schön Klinik in Neustadt.

Neue DGK-Apps orientieren sich an klinischen Fragestellungen

Radke arbeitet im Moment als Gastwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Medical Apps in der Abteilung Notfall- und Akutmedizin bei Prof. Dr. Martin Möckel an der Charité Berlin. Zusammen leiten Möckel und Radke die App Task-Force der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Und die hat kürzlich bei der DGK-Jahrestagung 2018 in Mannheim ihr neues Projekt vorgestellt, nämlich ein Set neuer Apps, die technisch in die (vom Börm Bruckmeier Verlag als App umgesetzten) DGK-Pocket-Leitlinien integriert sind.

Bei diesen Apps handelt es sich nicht um digitale Leitlinien, sondern um an Leitsymptomen bzw. ganz konkreten klinischen Fragestellungen orientierte, digitale Werkzeuge zur Entscheidungsunterstützung im klinischen Alltag. Aktuell sind sechs derartige Apps verfügbar, nämlich „Leitsymptom akuter Brustschmerz“, „Akutes Aortensyndrom“, „Infarktbedingter kardiogener Schock“, „Lungenarterienembolie“, „STEMI“ und „NSTE-ACS“. Weitere sind schon in Planung, beispielweise eine Anwendung, mit der sich in wenigen Schritten die Frage der Fahrtauglichkeit individueller Herzpatienten beantworten lässt.

Leitlinientreue soll verbessert werden

„Diese Apps leiten den Arzt durch die einzelnen Versorgungsschritte und tragen so dazu bei, dass keine der in den Leitlinien empfohlenen Maßnahmen vergessen wird“, so Radke. Denn das ist der Sinn der Übung: Die Umsetzung einer leitliniengemäßen Diagnostik bzw. Therapie soll verbessert werden: „Wir wissen aus vielen Studien, dass die medizinische Versorgung besser wird, wenn Leitlinien befolgt werden. Darauf müssen wir hinarbeiten“, so Radke.

Ganz einfach umzusetzen sind solche digitalen Tools nicht. Denn anders als bei Leitlinien sollen kontextabhängig sehr konkrete Maßnahmen empfohlen werden, was sehr viel stärker als eine breit angelegte Leitlinie in die Prozesse einzelner Institutionen eingreift. Radke und Möckel sind sich dieses Problems bewusst: „Einer unserer nächsten Schritte wird es sein, an Möglichkeiten zu arbeiten, mit denen ein Krankenhaus die Anwendungen individualisieren kann – aber nur im Rahmen der jeweils zugrundeliegenden Leitlinien.“

Um eine bestmögliche Akzeptanz bei Nutzern und kardiologischen Kliniken zu erreichen, gibt es für die Entscheidungsunterstützungs-Tools einen ähnlich transparenten Entstehungsprozess wie für die klassischen Leitlinien. Konkret werden die inhaltlichen Arbeitsgruppen der DGK einbezogen, und erfolgt eine Prüfung durch die übergreifende Kommission Klinische Kardiologie der DGK. Der ganze Prozess inklusive der Prozesse bis zu Freigabe sei in mehreren Publikationen beschrieben worden und damit für jeden nachlesbar, so Radke.

Zertifizierung als Medizinprodukt und Integration in klinische IT-Systeme

Diese Transparenz ist auch deswegen nötig, weil das App-Konzept der DGK vorsieht, eine TÜV- oder DIN-ISO-Zertifizierung der einzelnen Anwendungen zu erhalten. Und das wiederum ist eine der Voraussetzungen für eine Medizinproduktezertifizierung. Eine Zertifizierung von Software als Medizinprodukt ist dann erforderlich, wenn individuelle Patientendaten genutzt werden, um individuelle Therapieempfehlungen zu geben. Eine Leitlinie, auch eine digitale Leitlinie, tut genau das nicht und ist deswegen kein Medizinprodukt, ein digitales Entscheidungsunterstützungssystem dagegen schon.

„Wir reden dabei von einer Zertifizierung in einer hohen Risikogruppe, möglicherweise bis hin zur Klasse 3, welche Implantaten entspricht“, so Radke. Vor allem in diesem Anspruch unterscheidet sich das DGK-App-Konzept von den App-Projekten vieler anderer Fachgesellschaften, und dadurch eröffnen sich perspektivisch auch ganz andere Möglichkeiten als bei Standard-Apps. „Die langfristige Vision ist eine echte Verknüpfung mit den klinischen Informationssystemen“, betont Radke.

Gelingt das, könnten Basisdaten des Patienten in die App einfließen und ein patientenindividueller Entscheidungsweg generiert werden, der Teil der klinischen Dokumentation wird. Dass das ein Stück weit Zukunftsmusik ist, ist klar. Die Umsetzung wird mit Sicherheit noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Aber es ist genau diese durch Digitalisierung ermöglichte, tiefe Integration von aktuellem klinischem Wissen in klinische Arbeitsprozesse, die im Vergleich zu Lehrbüchern und konventionellen Leitlinien den Unterschied machen und die Leitlinientreue tatsächlich steigern könnte.

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