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02.05.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Internationaler Konsensus

Lipidmessung muss nicht mehr nüchtern erfolgen

Autor:
Veronika Schlimpert

Am Morgen nichts essen zu dürfen, empfinden viele Patienten als unangenehm. Für eine routinemäßige Lipidbestimmung ist das „nüchtern bleiben“ einem internationalen Konsensuspapier zufolge nun nicht mehr erforderlich.

Für eine routinemäßige Lipidbestimmung müssen Patienten nicht mehr nüchtern in der Praxis erscheinen – diese Auffassung wird nun von internationalen Experten der „European Atherosclerosis Society“ (EAS) und „European Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine“ (EFLM) in einem gemeinsamen Konsensuspapier vertreten. Nur in speziellen Situationen oder bei auffällig hohen Plasmatriglyzerid-Konzentrationen von >5 mmol/l kann demnach eine Nüchtern-Blutabnahme noch erforderlich werden. 

Bisher ist in den meisten Ländern gängige Praxis, die Patienten anzuhalten, mindestens acht Stunden vor der Messung keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen; wenngleich in Dänemark die routinemäßige Lipidbestimmung im nüchternen Zustand seit 2009 nicht mehr standardmäßig empfohlen wird und dies zum größten Teil auch so erfolgreich praktiziert wird. 

Angenehmer für Patient, Arzt und Laborpersonal

Für Patienten, Ärzte und Laborpersonal bedeute die Lipidmessung im nicht-nüchternen Zustand eine große Erleichterung, die letztlich auch die Compliance der Patienten verbessern könne, argumentieren die Autoren des Konsensuspapiers um Børge Nordestgaard von der Universität Kopenhagen. Denn gerade für Kinder, Diabetiker und ältere Menschen kann das „nüchtern bleiben“ eine Belastung darstellen. Zudem müssen die Patienten nicht nochmal zu einem separaten Termin in der Praxis erscheinen, nur um ihre Lipide nüchtern messen zu lassen. Die Lipidbestimmung muss nicht zwangsläufig am Morgen erfolgen, wodurch das Laborpersonal entlastet wird. Und den Ärzten ermöglicht die sofortige Lipidmessung eine schnellere Entscheidungsfindung.

Bedenken sind unbegründet 

Generelle Bedenken gegen eine Lipidbestimmung im nicht-nüchternen Zustand sind eine womöglich nicht ausreichende Messgenauigkeit und das Fehlen von evaluierten Referenzwerten. Nordestgaard und Kollegen zufolge gibt es mittlerweile aber Daten aus aktuellen Kohorten- und Registerstudien, die belegen, dass eine Nahrungsaufnahme das Lipidprofil nur geringfügig beeinflusst und die zu beobachteten Veränderungen der Lipidkonzentrationen sich klinisch nicht signifikant auswirken. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass nicht-nüchtern gemessene Lipidwerte das kardiovaskuläre Risiko ähnlich gut oder sogar besser widerspiegeln. 

Grenzwerte an aktuellen Leitlinien orientieren 

Die jeweiligen Grenzwerte sollten sich laut dem EAS/EFLM-Konsensuspapier möglichst an den Zielwerten aktueller Leitlinien statt an traditionellen Laborreferenzwerten orientieren. Für nicht-nüchtern gemessene Lipidprofile werden folgende Werte als abnormal hoch angesehen:

  • Triglyzeride: ≥2 mmol/l (175 mg/dl)
  • Gesamtcholesterin: ≥5 mmol/l (190 mg/dl)
  • LDL-Cholesterin: ≥3 mmol/l (115 mg/dl)
  • HDL-Cholesterin: ≤1 mmol/l (40 mg/dl)
  • Lp(a): ≥50 mg/dl

Der Grenzwert für Triglyzeride ist gegenüber dem Nüchtern-Grenzwert um 0,3 mmol/L angehoben, basierend auf der in Studien beobachteten mittleren Abweichung, die bei nicht-nüchtern gemessenen Werten beobachtet worden ist. 

Nüchtern-Lipidmessung in speziellen Situationen sinnvoll 

Die Lipidmessung im nüchternen Zustand sollte nach Nordestgaard und Kollegen aber nicht völlig abgeschrieben werden. Beide Messmethoden sollten sich ergänzen und sich gegenseitig nicht ausschließen, schreiben sie. Generell sollte man für die Entscheidung, ob nüchtern oder nicht-nüchtern gemessen wird, den Sinn und Zweck der Lipidmessung berücksichtigen – also ob Screening, Risikoassessment oder Diagnose. 

Wenn es etwa um die Diagnose einer genetisch bedingten Dyslipidämie gehe, habe die Nüchtern-Blutabnahme ihren berechtigten Stellenwert, führen die Experten aus, während sie im Falle der ersten Screeningstufe weniger wichtig sei.
In folgenden Situationen kann dem Konsensuspapier zufolge eine Nüchtern-Blutabnahme zur Lipidbestimmung erforderlich werden:

  • Triglyzeridwert >5 mmol/L (440 mg/d) bei einer Nicht-Nüchtern-Blutabnahme,
  • im Falle eines geplanten Therapiebeginnes mit Medikamenten, die eine schwere Hypertriglyzeridämie auslösen könnten wie Steroide, Östrogene oder Retinsäure,
  • zur Verlaufskontrolle einer Hypertriglyzeridämie induzierten Pankreatitis,
  • bei bekannter Hypertriglyzeridämie mit anschließender Überweisung in eine Lipidklinik und
  • falls noch weitere Bluttest nötig sind, die nüchtern erfolgen müssen, z. B. die Bestimmung des Nüchternblutzuckers.

Die meisten Patienten müssen nicht nüchtern sein

Für alle anderen Patienten reiche eine Lipidmessung ohne Nüchtern-Blutabnahme aus, also auch:

  • bei Kindern, 
  • Diabetikern (wichtig aufgrund des Hypoglykämie-Risikos),
  • älteren Menschen,
  • KHK-Patienten,  
  • Patienten mit stabiler Medikation,
  • zur initialen Lipidbestimmung uns 
  • für das Assessment des kardiovaskulären Risikos.

Sinnvoll könnte es den Konsensuspapier zufolge allerdings sein, die Patienten anzuhalten, am Tag der Lipidbestimmung keine fettigen Mahlzeiten wie Fastfood zu sich zu nehmen und vor der Messung nichts zu trinken, da eine Flüssigkeitszufuhr die Werte verfälschen kann. 

Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass man Patienten im Falle von lebensbedrohlichen Messwerten (Triglyzeride >10 mmol/l, LDL-C >13 mmol/l, Lp(a) >150 mg/dl) in eine Lipidambulanz oder zu einem Spezialisten überweisen sollte.  

Literatur

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