Nachrichten 05.11.2021

Muss Lipidsenkung früher beginnen?

Der LDL-C-Spiegel von jungen Erwachsenen sagt einer neuen Analyse zufolge etwas über das spätere Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse aus – unabhängig von den Werten im mittleren Alter. Das könnte eine Chance für die KHK-Prävention sein.

L-Cholesterin (LDL-C) ist ein wichtiger modifizierbarer Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Studien deuten darauf hin, dass es dabei sowohl Zusammenhänge mit dem aktuellen LDL-C-Wert als auch mit der kumulativen LDL-C-Exposition im Laufe der Zeit gibt. Für die meisten Untersuchungen wurde jedoch nur der LDL-C-Spiegel zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen, etwa im mittleren oder höheren Alter. Eine Langzeitanalyse hat jetzt ergeben: Die LDL-C-Werte von jüngeren Erwachsenen lassen Rückschlüsse auf spätere kardiovaskuläre Ereignisse zu, unabhängig vom Cholesterinspiegel im mittleren Alter. 

In die Analyse von Dr. Yiyi Zhang und ihrem Team aus New York wurden mehr als 18.000 Patienten aus vier US-Studien einbezogen. Bei den Teilnehmern war im Alter zwischen 18 und 60 Jahren mindestens zweimal der LDL-C-Spiegel gemessen worden, mit einem Abstand von zwei Jahren oder länger. Mindestens eine der Messungen war im mittleren Alter von 40 bis 60 Jahren erfolgt. Die Patienten waren median 56 Jahre alt. Während der mittleren Nachbeobachtungszeit von 16 Jahren entwickelten rund 1.170 Patienten eine koronare Herzerkrankung (KHK), 1.150 eine Herzinsuffizienz und 600 hatten einen ischämischen Schlaganfall. 

Bei kumulativer LDL-C-Exposition steigt das Risiko um 57%

Das KHK-Risiko korrelierte signifikant mit den kumulativen LDL-C-Werten: Ein Vergleich der höchsten und niedrigsten LDL-C-Quartile ergab, dass das Risiko bei hoher kumulativer LDL-C-Exposition signifikant um 57% erhöht war. 

Zudem war es mit den zeitgewichteten mittleren LDL-C-Werten assoziiert: Waren diese hoch, war das KHK-Risiko signifikant um 69% gesteigert. Die Ergebnisse waren auf kardiovaskuläre Risikofaktoren und die letztgemessenen LDL-C-Werte im mittleren Alter adjustiert worden.

Ein Anstieg der LDL-C-Werte war nach Adjustierung auf den LDL-C-Spiegel in der Lebensmitte nicht signifikant mit dem Risiko für KHK assoziiert, stellten Zhang und Kollegen fest. Dies sei wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass bei einem bestimmten LDL-C-Spiegel im mittleren Alter die Personen mit einem steileren Anstieg gegenüber denen mit einer geringeren Zunahme eine kleinere Fläche unter der Kurve oder eine geringere kumulative LDL-C-Exposition haben könnten. Die Mediziner entdeckten außerdem keine Assoziationen zwischen LDL-C-Spiegel und dem Risiko für ischämische Schlaganfälle und Herzinsuffizienz.

Ein Paradigmenwechsel?

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Aufrechterhalten eines optimalen LDL-C-Spiegels im jungen Erwachsenenalter und in der Lebensmitte das Lebenszeitrisiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern kann“, fassen Zhang und Kollegen zusammen. „Die Befunde von Zhang et al. legen nahe, dass das derzeitige von Leitlinien unterstützte Paradigma, die Behandlung von leichten und mittleren Erhöhungen des LDL-C-Spiegels bei jungen Erwachsenen aufzuschieben, nicht nur eine entscheidende Chance zur Prävention verpasst, sondern auch unnötig eine jahrzehntelange Anhäufung von lipidbezogenen Risiken zulässt“, so Prof. Ann Marie Navar von der Universität Texas in Dallas und Kollegen in einem Begleitkommentar. Wenn die Behandlung von Bluthochdruck in einem frühen Lebensalter unterstützt werde, um die langfristigen Risiken eines erhöhten Blutdrucks zu verhindern, sollte basierend auf den neuen Ergebnissen ein ähnliches Paradigma für LDL-C-Werte in Betracht gezogen werden, fordern sie.

Literatur

Zhang Y et al. Association Between Cumulative Low-Density Lipoprotein Cholesterol Exposure During Young Adulthood and Middle Age and Risk of Cardiovascular Events. JAMA 2021. https://doi.org/10.1001/jamacardio.2021.3508

Navar A et al. Transforming the Paradigm for Lipid Lowering. JAMA 2021. https://doi.org/10.1001/jamacardio.2021.3517


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