Nachrichten 03.07.2018

Myokarditis-Inzidenz ist höher als gedacht

Am Universitätsspital Zürich hat eine Veränderung der Indikationsstellung für das Kardio-MRT dazu geführt, dass erheblich häufiger eine Myokarditis diagnostiziert wird. Wird das MRT auf klinische Risikogruppen beschränkt, könnte die wahre Inzidenz unterschätzt werden.

Der Einsatz der Kardio-MRT für die Diagnose einer akuten Myokarditis geht zurück auf die neunziger Jahre. Nach einer Reihe von überwiegend monozentrischen Studien wurden im Jahr 2009 die Lake Louise-Kriterien formuliert, wonach eine Myokarditis auf Basis einer Kardio-MRT-Untersuchung dann diagnostiziert werden kann, wenn zwei von drei Kriterien erfüllt sind, nämlich ein myokardiales Ödem in der T2-Gewichtung, eine myokardiale Hyperämie in der frühen Kontrastmittelphase oder ein Myokardschaden, der nicht üblichen Ischämie-Mustern folgt, in der späten Kontrastmittelphase.

Worüber die Lake Louise-Kriterien keine Auskunft geben ist, welche Patienten mit Angina pectoris und erhöhten Troponin-Werten eine Kardio-MRT erhalten sollten. Relativ unstrittig ist, dass die primäre Zielgruppe Patienten ohne obstruktive Koronarveränderungen sind. Nur: Sollten solche Patienten alle per MRT untersucht werden? Oder nur Patienten mit einem besonders hohen Myokarditisrisiko? Und falls letzteres, wie sollte „hohes Myokarditisrisiko“ definiert werden?

Änderung des Screening-Algorithmus

Kardiologen der Universität Zürich berichten jetzt über eine retrospektive Studie, bei der sie untersucht haben, welchen Einfluss eine Änderung des Screening-Algorithmus auf die Inzidenz der Myokarditis hat. Konkret erhielten Angina pectoris-Patienten mit erhöhtem hsTnT (> 14 ng/l) und ohne obstruktive Koronarveränderungen sowie ohne anderen Grund für die Beschwerden und die TnT-Erhöhung dann ein Kardio-MRT, wenn typische Myokarditis-Symptome in Zusammenhang mit einer viralen Infektion auftraten.

Ab 2016 wurde diese Einschränkung fallen gelassen: Alle Patienten mit Angina pectoris und erhöhtem TnT erhalten seither eine Kardio-MRT, sofern keine obstruktive KHK vorliegt und es keinen anderen offensichtlichen Grund für die Beschwerden gibt.

Myokarditis-Inzidenz nach Umstellung höher

Insgesamt wurden in den beiden Jahren 1.810 Angina-pectoris-Patienten versorgt, von denen 1.788 in die Analyse eingingen. Bei fast allen wurde eine obstruktive KHK angiografisch ausgeschlossen. Unter den Bedingungen des enger gefassten Screening-Algorithmus des Jahres 2015 wurde gemäß Lake Louise-Kriterien bei 1,9 % der Angina-Patienten mit erhöhtem hsTnT und ohne obstruktive KHK eine Myokarditis diagnostiziert. Der weiter gefasste Screening-Algorithmus im Jahr 2016 führte dazu, dass bei 5,3 % der entsprechenden Patienten eine Myokarditis diagnostiziert wurde.

Da die Patientenkollektive nicht völlig vergleichbar waren, weil eine neue zuweisende Klinik hinzukam, wurde zusätzlich die Myokarditis-Inzidenz bezogen auf alle Krankenhausaufnahmen berechnet. Dieser Wert versechsfachte sich durch die Änderung des Screening-Algorithmus von 0,1 pro 1.000 Aufnahmen im Jahr 2015 auf 0,63 pro 1.000 Aufnahmen im Jahr 2016.

„Myokarditis weiterhin deutlich zu selten diagnostiziert“

Insgesamt deute dieses Ergebnis stark darauf hin, dass die Myokarditis in der Akutkardiologie weiterhin deutlich zu selten diagnostiziert werde, so die Autoren. Dieser Auffassung schlossen sich auch Dr. Mariell Jessup von der Fondation Leducq in Paris und Dr. JoAnn Lindenfeld von der Vanderbilt Universität in Nashville an, die ein begleitendes Editorial verfasst haben. Nicht gestellte Myokarditis-Diagnosen seien klinisch nicht zuletzt deswegen problematisch, weil Patienten mit Myokarditis während der laufenden Erkrankung mit Hinweis auf das erhöhte Risiko für plötzlichen Herztod von starker körperlicher Aktivität abgeraten werden sollte.

Literatur

Patriki D et al. Approximation of the Incidence of Myocarditis by Systematic Screening With Cardiac Magnetic Resonance Imaging. JACC Heart Fail. 2018;6:573-9

Jessup M, Lindenfeld J. Light at the End of the Myocarditis Tunnel. JACC Heart Fail. 2018;6:580-2

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