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09.12.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Sacubitril/Valsartan

Neue Herzinsuffizienz-Therapie: Bis zu zwei Jahre länger leben

Autor:
Peter Overbeck

Was bringt Patienten mit Herzinsuffizienz langfristig ein Switch von der Standardtherapie mit einem ACE-Hemmer auf das dual wirksame Herzmedikament Sacubitril/Valsartan? Sie würden ein bis zwei Jahre länger leben, so die Antwort von Experten, die Lebenszeit-Berechnungen auf Basis der PARADIGM-HF-Studie angestellt haben.

Sacubitril/Valsartan (Entresto©) ist seit November 2015 für die Indikation symptomatische chronische Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) zugelassen. Das neue Arzneimittel enthält in einer Tablette den AT1-Rezeptorblocker Valsartan und den Neprilysin-Hemmer Sacubitril, es wird deshalb auch als ARNI (Angiotensin-Rezeptor/Neprilysin-Inhibitor) bezeichnet. Zum einen wird durch Hemmung von Neprilysin der Abbau natriuretischer Peptide verhindert und so deren kardioprotektive Wirkung verstärkt, zum anderen wird das bei Herzinsuffizienz überaktive Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) supprimiert.

Den klinischen Nutzen dieser neuen Therapie dokumentieren die Ergebnisse der Studie PARADIGM-HF. PARADIGM-HF ist mit 8442 Patienten die bis dato größte Studie, in der je ein neues Arzneimittel bei Herzinsuffizienz klinisch geprüft worden ist. Vergleichssubstanz war nicht wie üblich Placebo, sondern der ACE-Hemmer Enalapril, dessen prognostisch günstige Wirkung bei Herzinsuffizienz durch placebokontrollierte Studien belegt ist.

Dem ACE-Hemmer deutlich überlegen

Sacubitril/Valsartan erwies sich in der Studie dem ACE-Hemmer als klar überlegen. Kardiovaskuläre Todesfälle und Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz (primärer kombinierter Endpunkt) wurden im Vergleich signifikant um 20 Prozent reduziert. Die Gesamtsterberate war signifikant um 16 Prozent und die Rate für die kardiovaskuläre Mortalität signifikant um 20 Prozent niedriger. Die Zahl der Klinikeinweisungen wegen sich verschlechternder Herzinsuffizienz wurde signifikant um 21 Prozent verringert.

Diese Ergebnisse zur relativen Risikoreduktion sind in der vorzeitig beendeten PARADIGM-HF-Studie in einem eher kurzen Follow-up-Zeitraum von etwas mehr als zwei Jahren erzielt worden. Wie würde der prognostische Nutzen von Sacubitril/Valsartan wohl auf längere Sicht aussehen? Autoren der PARADIGM-HF haben versucht, darauf eine Antwort zu geben. Klar ist, dass ihre Studie dazu keine direkten Informationen liefert. Bestenfalls lassen sich zeitliche Extrapolation auf der Grundlage ihrer Kurzzeit-Daten vornehmen.

Berechnung nach Art der Versicherungen

Genau dies hat die PARADIGM-HF-Studiengruppe nun gemacht. Sie nutzte dafür Verfahren aus dem Versicherungswesen. Lebensversicherer berechnen bekanntlich mithilfe komplexer mathematischer Methoden die Lebenserwartung von Menschen, um ihre Tarife und Leistungen zu kalkulieren. Mit diesen Methoden ist nun auch altersspezifisch die noch verbleibende Lebenszeit von Menschen analysiert worden, die in ihren Charakteristika den Teilnehmern der PARADIGM-HF-Studie gleichen.

Diesen Analysen zufolge hätte ein 55-jähriger Patient im Fall einer Enalapril-Behandlung noch 11,6 Lebensjahre vor sich. Erhielte er Sacubitril/Valsartan, wären es noch 12,9 Jahre – was im Vergleich einen mittleren Zugewinn an Lebenszeit um 1,4 Jahre bedeutet. Die gewonnene Lebenszeit ohne notwendige Klinikeinweisungen aus kardiovaskulären Gründen wurde mit 2,1 Jahren berechnet.

Bei einem 65-jährigen Patienten wurde die unter Enalapril noch verbleibende Lebenszeit auf 10,0 Jahre geschätzt. Bei einer Behandlung mit Sacubitril/Valsartan wären es noch 11,4 Jahre. Diese Altersgruppe würde von einer Verlängerung ihres Lebens um im Mittel 1,3 Jahre profitieren, bezogen auf ein Leben ohne Klinikeinweisung wären es 1,6 Jahre.

Es gibt einen Haken

Insgesamt betrug der projizierte Gewinn an zusätzlicher Lebenszeit bei Patienten im Alter zwischen 45 und 75 Jahre konsistent ein bis zwei Jahre. Zu bedenken ist, dass dieser Gewinn additiv zur bereits mit Enalapril erreichten Prognoseverbesserung ist und deshalb im Vergleich zu Placebo noch deutlich größer ausfiele.

Die Sache hat nur einen Haken: Die errechneten Verlängerungen des Lebens haben zur Voraussetzung, dass Sacubitril/Valsartan konstant über Jahre und Jahrzehnte wirksam bleibt. Ob diese Voraussetzung tatsächlich erfüllt wird, weiß momentan selbstverständlich niemand.

Literatur

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