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16.06.2018 | Neurologie | Nachrichten

Welche Patienten am stärksten betroffen?

Migräne erhöht das kardiovaskuläre Risiko

Autoren:
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Prof. Dr. med. Karl Georg Häusler

Ergebnisse einer dänischen Kohortenstudie und einer Metaanalyse bestätigen, dass Migränepatienten ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben. Am stärksten betroffen sind Frauen, die unter Migräne mit Aura leiden.

Etwa 15 % der Bevölkerung haben eine Migräne. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Studien, die nahelegen, dass Patienten oder Patientinnen mit Migräne – insbesondere bei einer Migräne mit Aura – ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle haben.

Die Arbeitsgruppe von Tobias Kurth aus Berlin konnte außerdem zeigen, dass Frauen die unter Migräne mit Aura leiden, auch ein etwas erhöhtes Risiko für andere vaskuläre Erkrankungen haben [1]. Eine aktuelle nationale populationsbezogene Kohortenstudie aus Dänemark hat den möglichen Zusammenhang zwischen Migräne und vaskulären Krankheiten nochmals analysiert [2]. Zeitgleich wurde im British Medical Journal (BMJ) Open eine Metaanalyse aus 16 Kohorten mit 1.152.407 Personen zu diesem Thema publiziert [3].

Gesundheitsregister mit über 150.000 Migräne-Patienten

In Dänemark besteht ein nationales Gesundheitsregister, in dem alle Menschen, die in Dänemark geboren sind, erfasst werden. In diesem Register werden Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte, Entlassdiagnosen, Diagnosen von Ärzten, die in der Praxis tätig sind, und verschriebene Medikamente erfasst.

Für die hier vorliegende Analyse wurden 151.032 Migräne-Patienten mit 510.320 Menschen ohne Migräne verglichen, die bzgl. Alter, Geschlecht und Kalenderjahr vergleichbar waren. Für die einzelnen vaskulären Erkrankungen wurden adjustierte Hazard Ratios basierend auf einer Cox-Regressionsanalyse berechnet. Von den Patienten mit Migräne hatten 16.993 eine Migräne ohne Aura und 13.076 eine Migräne mit Aura. Bei den übrigen Patienten war der Migräne-Status nicht bekannt. Insgesamt 70 % der erfassten Patienten waren Frauen.

Für die folgenden Erkrankungen zeigte sich ein signifikant erhöhtes Risiko bei Menschen, die eine Migräne hatten:

  • Myokardinfarkt: Hazard Ratio (HR) 1,5 (95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,4–1,6),
  • ischämischer Schlaganfall: HR 2,3 (95%-KI: 2,1–2,4),
  • zerebrale Blutung: HR 1,9 (95%-KI: 1,7–2,2),
  • venöse Thromboembolien: HR 1,6 (95%-KI: 1,5–1,7) sowie
  • Vorhofflimmern oder Vorhofflattern: HR 1,3 (95%-KI: 1,2–1,4).

Kein Zusammenhang bestand mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit oder einer Herzinsuffizienz. Für die Risikoerhöhungen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Migräne und der vaskulären Erkrankung bestand, waren die adjustierten Hazard Ratios für eine Migräne mit Aura höher als die für eine Migräne ohne Aura. Der Zusammenhang war statistisch gesehen ausgeprägter bei Frauen als bei Männern. Auch wenn für andere Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht korrigiert wurde, blieb der Zusammenhang zwischen Migräne und vaskulären Erkrankungen bestehen.

Metaanalyse mit fast 400.000 Migräne-Patienten

Eine Autorengruppe aus den USA führte eine Metaanalyse von 16 Kohortenstudien durch, welche kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit Migräne und gesunde Kontrollen verglich [3]. Auf diese Weise wurden die Daten von 394.942 Patienten mit Migräne und von 757.465 Kontrollpatienten verglichen.

Eine Migräne war mit einem erhöhten Risiko für die Kombination aus kardio- und zerebrovaskulären Endpunkten assoziiert (HR 1,42; 95%-KI: 1,26–1,60). Für die einzelnen Endpunkte lag die HR für Schlaganfall bei 1,41 (95%-KI: 1,25–1,61) und für Myokardinfarkt bei 1,23 (95%-KI: 1,03–1,43). Die Gesamtsterblichkeit unterschied sich nicht zwischen beiden Gruppen (HR 0,93; 95%-KI: 0,78–1,10). Patienten, die unter einer Migräne mit Aura litten, hatten ein höheres Schlaganfallrisiko als solche, die eine Migräne ohne Aura hatten.

Die dänische Studie repliziert die Ergebnisse anderer großer Register und Kohortenstudien und zeigt, dass ein Zusammenhang zwischen einer Migräne und vaskulären Erkrankungen besteht. Dieses Ergebnis wird in der großen Metaanalyse aus den USA bestätigt. Das Risiko für vaskuläre Erkrankungen ist besonders ausgeprägt für Frauen die an einer Migräne mit Aura leiden.

Neu ist in der dänischen Studie die Beobachtung, dass auch das Risiko für venöse Thromboembolien und Vorhofflimmern oder Vorhofflattern erhöht ist. Die beiden Studien haben Konsequenzen, da sich das vaskuläre Risiko bei Frauen, die eine Migräne mit Aura haben und zudem rauchen oder übergewichtig sind noch weiter erhöht.

Störung der Endothelfunktion?

Die Tatsache, dass das erhöhte vaskuläre Risiko auch weiterhin bestehen bleibt, wenn bestimmte Risikofaktoren therapeutisch korrigiert werden, würde sehr dafür sprechen, dass bei Patienten mit Migräne eine generelle Störung der Endothelfunktion bestehen könnte. Für den klinischen Alltag ist aber relevant, dass die absolute Risikoerhöhung für vaskuläre Krankheiten bei Menschen mit Migräne sehr gering ist. Bei Vorsorgeuntersuchungen sollte allerdings nach einer Migräne gefragt werden. Zudem sollten weitere vaskuläre Risikofaktoren identifiziert und behandelt werden.

Literatur

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