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20.01.2016 | Nachrichten

SPRINT- und ACCORD-Studien

Nutzt intensive Blutdrucksenkung auch Diabetespatienten?

Autor:
Philipp Grätzel

Seit der SPRINT-Studie gilt ein niedrigeres Blutdruckziel von systolisch unter 120 mmHg für Patienten mit arterieller Hypertonie wieder als ein legitimes Ziel. Diabetiker waren an SPRINT nicht beteiligt. Eine Nachauswertung der ACCORD-Studie spricht dafür, dass vielleicht auch Diabetes-Patienten von intensiverer Blutdrucksenkung profitieren.

Die von den National Institutes of Health finanzierte SPRINT-Studie hatte im Jahr 2015 gezeigt, dass hypertensive Patienten von einer Absenkung des systolischen Zielblutdrucks auf 120 mmHg im Vergleich zum aktuellen Leitlinienziel 140 mmHg im Hinblick auf kardiovaskuläre Ereignisse aller Art stark profitieren. Die SPRINT-Studie berücksichtigte dabei ein sehr breites Spektrum von Patienten mit und ohne Begleit- und Folgeerkrankungen, hatte aber aus der Sicht vieler Experten einen Schönheitsfehler: Diabetespatienten waren ausgeschlossen.

Seither tobt die Diskussion darüber, ob ein niedrigerer Zielwert von 120 mmHg systolisch nicht auch bei Diabetespatienten von Vorteil sein könnte. Bei der Jahrestagung der American Heart Association (AHA) in Orlando nahm sich jüngst der Studienleiter der ACCORD-Studie, Dr. William Cushman vom VA Medical Center in Memphis, Tennessee, dieser Frage an.

Auch ACCORD verglich unterschiedliche Blutdruckzielwerte

Die ACCORD-Studie war eine Diabetes-Studie im Faktorialdesign, die sowohl eine aggressive Blutzuckersenkung als auch eine aggressive Lipid- und Blutdrucksenkung im Vergleich zum jeweiligen Standard evaluiert hatte. Von Blutdruckseite waren, ähnlich wie in der SPRINT-Studie, die systolischen Zielwerte 140 mmHg und 120 mmHg verglichen worden.

Anders als in der SPRINT-Studie gab es in der ACCORD-Studie bei den Patienten mit Diabetes-Erkrankung allerdings nur eine nicht signifikante Senkung des Risikos für kardiovaskuläre Todesfälle, nicht tödliche Herzinfarkte und Schlaganfälle (primärer Endpunkt) um 12%.

Wie aussagekräftig ist der Blutdruckarm der ACCORD-Studie wirklich?

Heißt das, dass sich die SPRINT-Studie nicht auf Diabetiker übertragen lässt? Vielleicht doch. Cushman betonte in Orlando, dass die Blutdruck-Substudie der ACCORD-Studie mit ihren gut 4.700 Teilnehmern, einem mittleren Follow-up-Zeitraum von 4,9 Jahren und einer deutlich geringer als antizipierten Ereignisrate möglicherweise statistisch unterpowert war. Zum Vergleich: Die SPRINT-Studie war doppelt so groß.

Auch vor diesem Hintergrund haben sich Cushman und Kollegen in einer ACCORD Follow-on (ACCORDION) genannten Nachauswertung der ACCORD-Studie die Entwicklung der ACCORD-Patienten im Langzeitverlauf angesehen. Dafür konnten sie immerhin 87% jener Patienten ausfindig machen, die am offiziellen Ende der ACCORD-Studie noch am Leben waren.

Das Ergebnis ist zunächst im Einklang mit dem ursprünglichen Ergebnis: Da die Patienten nach Studienende nicht mehr intensiver behandelt worden waren, verringerte sich der Blutdruckunterschied zwischen den Gruppen, und auch der 12%ige Vorteil der intensiver blutdrucktherapierten Gruppe beim primären Endpunkt verringerte sich nach nun 8,8 Jahren auf noch immer nicht signifikante 9%.

Unterschiede bei längerem Follow-up

Aber: Nach dem langen Follow-up-Zeitraum zeigt sich, was sich am Ende der ursprünglichen Studie schon angedeutet hatte, nämlich eine klare, jetzt auch statistisch signifikante Interaktion zwischen Blutdruckintervention und Blutzuckerintervention in der ACCORD-Studie. Wurden nur jene Patienten ausgewertet, die eine nicht intensive Blutzuckersenkung erhielten, war der Nutzen der intensiven Blutdrucksenkung nachweisbar, und zwar in derselben Größenordnung wie in der SPRINT-Studie.

Klar ist, dass diese nachträgliche Analyse einer Subgruppe nichts wirklich beweisen kann. Sie deutet aber doch darauf hin, dass es sich lohnen könnte, die intensive Blutdrucksenkung auch bei Diabetespatienten noch einmal gezielt zu evaluieren, ohne dabei gleichzeitig den Blutzucker in Bereiche zu senken, von denen heute klar ist, dass sie für die Patienten gefährlich waren. 

Literatur

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