Onlineartikel 20.04.2015

Plötzlicher Herztod: EKG-Phänomen signalisiert Gefahr

Wissenschaftler um Professor Axel Bauer aus München haben ein EKG-Phänomen entdeckt, das Rückschlüsse auf das Risiko für den plötzlichen Herztod erlaubt und helfen könnte, Hochrisikopatienten frühzeitig zu erkennen und vorbeugend zu behandeln. Für das neue Analyseverfahren ist Bauer von der Deutschen Stiftung Innere Medizin (DSIM) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) mit dem Präventionspreis 2015 ausgezeichnet worden.

Der plötzliche Herztod ist die häufigste Todesursache in den Industrieländern. Gefahr droht insbesondere nach einem vorangegangenen Myokardinfarkt, der die Entwicklung von lebensbedrohenden kardialen Arrhythmien begünstigen kann. Eine wirksame Schutzmaßnahme ist die Prophylaxe durch Implantation eines Defibrillators (ICD).

Bei der Identifizierung der dafür geeigneten Patienten orientierte man sich bisher vor allem an der graduellen Einschränkung der linksventrikulären Funktion als Prädiktor für das Risiko eines plötzlichen Herztodes. Allerdings lassen Sensitivität und Spezifität dieses Risikoprädiktors zu wünschen übrig.

Erkennung von Hochrisikopatienten

Bauer, leitender Oberarzt der 1. Medizinischen Klinik des Klinikums der Universität München, und seine Forscherkollegen haben deshalb nach neuen Möglichkeiten zur besseren Abschätzung des Risikos für potenziell tödliche Herzrhythmusstörungen gesucht, und zwar anhand einer Instabilität der Erregungsrückbildung (Repolarisation) im EKG, die mutmaßlich den Effekt des sympathischen Nervensystems auf das Herz widerspiegelt.

Aus experimentellen und klinischen Studien ist bekannt, dass eine Überaktivität des sympathischen Nervensystems wesentlich zu einer Destabilisierung der Repolarisation im Myokard beiträgt. Sympathische Nerven geben ihre Impulse aber nicht gleichmäßig ab, sondern in Schüben, die als Cluster bezeichnet werden. Bauer und seine Kollegen stellten dabei fest, dass die Cluster die sogenannte T-Welle des EKGs verändern. Diese Veränderungen sind mit dem bloßen Auge nicht sichtbar. Sie lassen sich aber mit einem von Bauer entwickelten Algorithmus quantifizieren.

Phänomen der „Periodic Repolarization Dynamics“

Die Forscher bezeichnen diese niederfrequenten Modulationen der kardialen Repolarisation, die im 10-Sekunden- bis Minutentakt auftreten, als „Periodic Repolarization Dynamics (PRD)“.

Sie konnten in ihren Untersuchungen zeigen, dass die PRDs ein eigenständiges Phänomen sind, das mit anderen EKG-Verfahren wie Messung der Herzfrequenzvariabilität nicht aufzuspüren ist. PRDs lassen sich bei gesunden Menschen beispielsweise durch einen „Kipptischversuch“ auslösen und durch Betablocker verhindern.

Im nächsten Schritt untersuchte Bauer zusammen mit Kollegen aus Finnland, in welcher Beziehung PRDs zum Überleben von Menschen nach einem Herzinfarkt steht. Festgestellt wurde, dass Patienten mit einer erhöhten PRD als Zeichen einer gesteigerten Sympathikusaktivität ein nahezu fünffach erhöhtes Risiko hatten, innerhalb der nächsten fünf Jahre zu sterben.

Dabei konnten anhand der PRD Risikopatienten identifiziert werden, die mit anderen Methoden der Risikoabschätzung nicht erkannt worden wären. Die Studie erschien im April 2014 im „Journal of Clinical Investigation“.

Schritt zur Verbesserung der Prävention?

„Das von Professor Bauer entwickelte Verfahren identifiziert eine Gruppe von Hochrisikopatienten, denen möglicherweise mit präventiven Maßnahmen geholfen werden könnte“, wird Professor Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM aus Kiel, in einer Pressemitteilung der Fachgesellschaft zitiert. Möglich sei etwa, dass die Implantation eines ICD diese Menschen vor einem drohendenHerztod bewahren könnte.

DSIM und DGIM zeichnen mit dem Präventionspreis, der mit 10.000 Euro dotiert ist, jährlich die nach ihrer Einschätzung beste aus dem deutschsprachigen Raum vorgelegte Arbeit auf dem Gebiet der Primär- und Sekundärprävention innerer Erkrankungen. Überreicht wurde den Preis am 19. April 2015 beim 121. Jahreskongresses der DGIM in Mannheim.

Literatur

DGIM-Pressemitteilung vom 20. April 2015

Rizas KD et al. Sympathetic activity-associated periodic repolarization dynamics predict mortality following myocardial infarction. Journal of Clinical Investigation. 2014;124(4): 1770-80