Nachrichten 01.12.2022

Laienreanimiation: Machen Smartphone-Alarme sie besser?

Eine randomisierte Studie hat untersucht, ob eine Alarmierung registrierter Laienhelfer per Smartphone bei (Verdacht auf) Herzstillstand die Einsatzrate von externen Defibrillatoren erhöht. Das war nicht der Fall, was aber nicht gegen die Alarm-Algorithmen spricht.

Smartphone-basierte Laienhelfer-Apps kommen mittlerweile in vielen Ländern zumindest punktuell zum Einsatz. Das Prinzip: Die jeweilige Rettungsleitstelle schickt bei einem Notruf, der den Verdacht auf einen Herzstillstand (Out-of-Hospital Cardiac Arrest, OHCA) nahelegt, nicht nur den Notarzt. Sie drückt auch noch auf einen Alarmknopf, der registrierte Laienhelfer in der Umgebung per Smartphone alarmiert. Die sind möglicherweise schneller am Patienten und können entsprechend früher reanimieren.

Hilft ein AED-Navigator bei Laienhelfer-Apps?

In JAMA Cardiology wurde jetzt die randomisierte, schwedische SAMBA-Studie publiziert, die zwischen Dezember 2018 und Januar 2020 in den beiden Regionen Stockholm und Västra Götaland stattfand. Beides sind ähnlich große Regionen, in denen bei einem existierenden derartigen Alarmsystem schon zu Studienbeginn jeweils rund 20.000 Laienhelfer registriert waren. Außerdem sind beides Regionen, in denen jeweils rund 3.000 öffentlich zugängliche, automatische externe Defibrillatoren (AED) installiert sind.

Die Studie randomisierte auf Patientenbasis, allerdings wurde aus ethischen Gründen nicht „Einsatz der Alarm-Apps“ gegen „Kein Einsatz der Alarm-Apps“ randomisiert. Vielmehr wurden die Alarm-Apps bei allen Patienten aktiviert. Aber nur bei der Hälfte der Fälle wurden eine komplexere Alarmierung genutzt, bei der dem Laienhelfer zusätzlich zum Standort des Patienten auch eine Wegbeschreibung zum nächstgelegenen AED aufs Smartphone geliefert wurde. Die Laienhelfer in der Interventionsgruppe sollten dann jeweils erst den AED holen und dann zum Patienten gehen, während in der Kontrollgruppe der Weg direkt zum Patienten und damit ggf. zur Reanimation führte.

Numerischer (aber nicht signifikanter) Unterschied 

Im Studienzeitraum gab es insgesamt 947 OHCA-Patienten, bei denen der Alarm aktiviert wurde, 461 in der Interventions- und 486 in der Kontrollgruppe. Primärer Endpunkt war der AED-Einsatz durch Laien, wobei hier auch solche AED-Einsätze gezählt wurden, die von nicht per App alarmierten Passanten durchgeführt wurden. Bei dem so definierten Endpunkt gab es einen mit AED-Quoten von 13,2% vs. 9,5% einen zugunsten der Interventionsgruppe numerischen, aber keinen statistisch signifikanten, Unterschied zwischen den Gruppen (p=0,08).

Um diese Quoten einzuordnen, hilft es, ein paar andere Zahlen zu kennen. In beiden Gruppen wurde jeweils über die Hälfte der AED von Passanten eingesetzt, die aus anderen Gründen als dem App-Alarm am Unglücksort waren. Nur in knapp der Hälfte der Fälle waren die per App alarmierten Laienhelfer schneller am Unglücksort als der Notarzt. Und in beiden Gruppen erhielten jeweils rund 70% der OHCA Patienten irgendeine Form von Laienreanimation.

Ergebnisse sagen nicht aus, dass App-Alarme nutzlos sind

Die Autoren um Ellinor Berglund und Mattias Ringh vom Karolinska Institut in Stockholm und auch die Kommentatoren eines begleitenden Editorials betonen, dass die Ergebnisse der Studie nicht dahingehend interpretiert werden dürften, dass die App-Alarme nicht helfen oder dass die AED-Navigations-Funktion nutzlos sei. Zum einen gab es auf Seiten der per App alarmierten Laienhelfer relevante Crossover-Quoten, sprich Laienhelfer, die einen AED holten, obwohl sie in der Kontrollgruppe waren und solche, die keinen AED holten, obwohl sie in der Interventionsgruppe waren.

Auch die insgesamt hohe Quote an AED-Nutzungen mit einem entsprechend hohen Anteil an nicht per App registrierten Laien, die den AED einsetzten, dürfte das Ergebnis verwässert haben. Hier kommt die vergleichsweise hohe Durchdringung der schwedischen Bevölkerung mit Erste-Hilfe-Kursen zum Tragen. Unabhängig davon lassen sich die Ergebnisse aus Schweden schon deswegen nicht beliebig auf andere Länder übertragen, weil die Zahl der öffentlichen AED in unterschiedlichen Ländern und auch in unterschiedlichen Regionen extrem unterschiedlich ist. Ein Beispiel: Die Kartenfunktion „Berlin schockt“ des Arbeiter-Samariter-Bundes verzeichnet für die Hauptstadt derzeit nur 341 AEDs. (Wobei es sich um eine freiwillige Listung handelt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.)

Literatur

Berglund E et al. Effect of Smartphone Dispatch of Volunteer Responders on Automated External Defibrillators and Out-of-Hospital Cardiac Arrests - The SAMBA Randomized Clinical Trial. JAMA Cardiology 2022; 30.11.2022; doi: 10.1001/jamacardio.2022.4362

Voipp KG et al. Improving Out-of-Hospital Cardiac Arrest Survival Rates – Optimization Given Constraints. JAMA Cardiology 2022; 30.11.2022; doi: 10.1001/jamacardio.2022.4392

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