Nachrichten 26.11.2021

ApoB sagt Herzinfarkte besser voraus als LDL-Cholesterin

Das Risiko für einen künftigen Myokardinfarkt wird am besten durch die Apolipoprotein B (apoB)-Konzentration als Maß für die Anzahl atherogener ApoB-haltiger Lipoprotein-Partikel erfasst, legen Ergebnisse einer beim AHA-Kongress präsentierten Studie nahe.

Ist Apolipoprotein B (apoB) das neue LDL-Cholesterin?  Letzterer Parameter wird bekanntlich seit jeher als Marker für das Herzinfarktrisiko und für die Effektivität lipidsenkender Therapien genutzt. Seit einiger Zeit summieren sich jedoch Hinweise darauf, dass ApoB diesbezüglich der präzisere Marker sein könnte.

Schon seit geraumer Zeit wird ausgiebig darüber debattiert, ob ApoB, LDL-Cholesterin oder auch Non-HDL-Cholesterin der primäre Maßstab für das von ApoB-haltigen Lipoproteinen ausgehende Risiko für atherosklerotische Gefäßveränderunge sein sollte. Schwedische Untersucher kamen erst kürzlich in einer Studie zu dem Ergebnis, dass ApoB ein besserer Prädiktor für das kardiovaskuläre Risiko von mit Statinen behandelten Patienten war als LDL- oder Non-HDL-Cholesterin.

Studie bestätigt Vorrang von ApoB

Eine neue Studie von US-Forschern bestätigt nun den Vorrang von ApoB gegenüber LDL-Cholesterin als Prädiktor von Herzinfarkten. Ihre auf Daten von rund 430.000 Personen mit und ohne atherosklerotische Gefäßerkrankungen basierende Analyse hat ergeben, dass ApoB am Ende der einzige Lipidparameter war, der nach Adjustierung sowohl für klinische Variablen als auch für andere Lipide noch signifikant mit dem Risiko für Herzinfarkte assoziiert war.

Nach Ansicht der Studienautoren um Dr. Nicholas S. Marston vom Brigham and Women’s Hospital, Harvard Medical School, Boston, sprechen diese Ergebnisse dafür, dass ApoB der „primäre Treiber der Atherosklerose” ist und dass eine „Senkung der Gesamtkonzentration aller ApoB-haltigen Lipoproteine im Fokus therapeutischer Strategien stehen sollte“.

„Die Debatte ist vorbei“

„Die Debatte ist vorbei“, konstatiert Dr. Alan D. Sniderman vom McGill University Health Centre in Ottawa gemeinsam mit zwei Mitautoren in einem Begleitkommentar zur Studienpublikation im Fachblatt „JAMA Cardiology“. Nach Ansicht der Kommentatoren liefert die neue Studie „entscheidende Evidenz“ (decisive evidence) dafür, dass ApoB der primäre Marker zur Bestimmung des durch ApoB-haltige Lipoproteine bedingten kardiovaskulären Risikos sein sollte.

Drei Komponenten der Atherogenität

Unter den Lipoproteinen bilden bekanntlich die Apolipoprotein B-100 (apoB-100) als Proteinkomponente enthaltenden Lipoproteine die proatherogene Subfraktion. Zu dieser Fraktion zählen außer den Low-Density Lipoproteins (LDL) noch die Intermediate-Density Lipoproteins (IDL) und die Very-Low-Density Lipoproteins (VLDL).

Wenn es um das atherogene Potenzial dieser ApoB-haltigen Lipoproteinen geht, kommen nach Ansicht der Studienautoren um Marston drei Komponenten ins Spiel.

  • Erstens die in ApoB erfasste Anzahl an atherogenen Lipoprotein-Partikeln. ApoB ist deshalb ein genaues Maß für die Partikelanzahl, weil dieses Oberflächenmolekül im Verhältnis 1:1 auf jedem VLDL- und LDL-Partikel vorhanden ist. Die Masse an Cholesterin in den Partikeln kann dagegen variieren.
  • Eine zweite Komponente ist der spezifische Typ der ApoB-haltigen Partikel: Handelt es sich um triglyzeridreiche Partikel wie VLDL und IDL oder um LDL-Partikel? 
  • Ein dritter Aspekt ist schließlich die Menge an Cholesterin oder Triglyzeriden, die in den ApoB-haltigen Lipidpartikeln transportiert wird.

„Standardmessungen können irreführend sein“

Standardmessung von Cholesterin und Triglyzeriden könnten „irreführend” sein, da sie zwar die jeweiligen Serumkonzentrationen, nicht aber Anzahl und Typ der Lipidpartikel direkt erfassen, so die Studienautoren um Marston. So könnten zwei Personen identische LDL-C-Spiegel aufweisen; wenn aber bei einem davon die Anzahl der LDL-Partikel doppelt so hoch und der Gehalt an Cholesterin in den Partikeln nur halb so hoch sei, habe er bei gleichem LDL-C-Spiegel trotzdem ein höheres Risiko.

Umgekehrt könnten zwei Personen die gleichen ApoB-Spiegel und damit die gleiche Anzahl an atherogenen Lipoproteinen haben; ein niedrigerer LDL-C-Spiegel bei einem von beiden würde dann ein niedrigeres Risiko suggerieren – was aber nicht zwangsläufig der Fall sein müsse.

Risiko unabhängig vom Lipidgehalt und Lipoprotein-Typ

Marston und seine Mitautoren haben bei ihren Lipid-adjustierten Analysen auch für ApoB adjustiert und so auch die Lipidpartikel-Konzentration bei der Risikobestimmung in Rechnung gestellt. Mit dieser Methode gelangten sie zu folgenden Ergebnissen:  

  • ApoB war der einzige unabhängige „Treiber” des mit Lipiden assoziierten Risikos für Herzinfarkte. Das bestätigt nach Ansicht der Studienautoren die prädiktive Bedeutung der Partikel-Konzentration.
  • Über die ApoB-Konzentration hinaus ging der Gehalt an in den Partikeln transportierten Lipiden (Cholesterin oder Triglyzeride) mit keinem Zusatzrisiko mehr einher.
  • Und auch der Typ der ApoB-haltigen Lipoproteinpartikel (triglyzeridreiche Lipoproteine oder LDL-Partikel) hatte jenseits der Partikel-Konzentration keine Bedeutung mehr für das Risiko.
  • Diese Ergebnisse waren bei sowohl bei Patienten ohne als auch mit atherosklerotischen Gefäßerkrankungen (Primär- und Sekundärprävention) wie auch bei Patienten mit und ohne Statin-Behandlung konsistent.

Für ihre Analyse hat die Forschergruppe um Marston Daten aus zwei Quellen herangezogen: Zum einen Daten von 389.529 Personen (58% Frauen) ohne Statin-Therapie aus der UK Biobank (Primärprävention-Gruppe), zum anderen Daten von 40.430 Patienten (24% Frauen) mit atherosklerotischer Erkrankung und Statin-Behandlung, die als Probanden an der FOURIER- oder IMPROVE-IT-Studie beteiligt waren (Sekundärprävention-Gruppe).

Konsistente Ergebnisse in der Primär-und Sekundärprävention-Gruppe

In einem für diverse klinische Faktoren wie Alter, Geschlecht, Diabetes oder Rauchen adjustierten Analysemodell waren ApoB, Non-HDL-Cholesterin und Triglyzeride in der Primärprävention-Kohorte jeweils mit der Inzidenz von Myokardinfarkten assoziiert. Mit jeder Zunahme der ApoB-, Non-HDL-Cholesterin- und Triglyzerid-Spiegel um eine Standardabweichung nahm das Infarktrisiko signifikant um 38%, 36% und 16% zu.

Wurden jedoch zusätzlich die Lipidparameter in das voll adjustierte Modell eingeführt, blieb nur noch ApoB signifikant mit der Herzinfarktinzidenz assoziiert (adjustierte Hazard Ratio: 1,27 pro Zunahme um eine Standardabweichung; 95% Konfidenzintervall: 1,15-1,40, p<0,001).

Das gleiche Muster in der Sekundärprävention-Kohorte: Jede Zunahme der ApoB-, Non-HDL-Cholesterin- und Triglyzerid-Spiegel um eine Standardabweichung war hier mit einem um 19%, 16% respektive 3% höheren Infarktrisiko assoziiert. In einem für klinische Faktoren sowie für apoB, Non-HDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyzeride adjustierten Modell stand dann aber nur noch ApoB in signifikanter Beziehung zur Herzinfarktinzidenz (aHR: 1,17 pro Zunahme um eine Standardabweichung; 95% KI: 1,00-1,36). 

Konventionelle Lipidmessungen nicht obsolet

Die konventionelle Lipidprofil-Messung sei aufgrund dieser Studienergebnisse nicht obsolet geworden, betonen die Studienautoren.  LDL- und Non-HDL-Cholesterin korrelierten mit ApoB und könnten deshalb als annäherndes Maß für die Konzentration von Lipoprotein-Partikeln und für die Abschätzung des kardiovaskulären Risikos genutzt werden. Falls nötig, sollte dann primär Non-HDL-Cholesterin als „bevorzugtes Surrogat” für ApoB genutzt werden, da es außer LDL auch die triglyzeridreichen Lipoproteine beinhalte.

Wenn jedoch die Voraussetzungen für eine ApoB-Bestimmung gegeben seien, sollte diese heute die bevorzugte Lipidmessung für die Beurteilung des kardiovaskulären Risikos sein, empfehlen Marston und seine Mitautoren.

Literatur

Vorgestellt beim Kongress der American Heart Association (AHA 2021), 13. – 15. November 2021.

Marston N.A. et al.: Association of Apolipoprotein B–Containing Lipoproteins and Risk of Myocardial Infarction in Individuals With and Without Atherosclerosis - : Distinguishing Between Particle Concentration, Type, and Content. JAMA Cardiol 2021. doi:10.1001/jamacardio.2021.5083

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