Nachrichten 14.06.2021

Neuer ESC-Kalkulator zur kardiovaskulären Risikovorhersage

Üblicherweise schätzen Ärzte hierzulande das kardiovaskuläre Risiko eines Patienten über den SCORE-Kalkulator ein. Nun hat die ESC das Modell aktualisiert – um damit eine differenziertere Risikovorhersage zu gewährleisten.

Wie hoch ist das Risiko eines Patienten, in den kommenden zehn Jahren erstmals einen Herzinfarkt oder eine andere Herzerkrankung zu erleiden – eine Frage, die Ärzte in Europa üblicherweise mit dem sog. SCORE-Kalkulator (Systemic COronary Risk Evaluation) der Europäischen Kardiologie-Gesellschaft ESC abklären. Das aktuelle Modell schätzt allerdings allein das Risiko für tödliche Ereignisse ein und basiert zudem noch auf alten Daten, die bis in die Jahre vor 1986 zurückreichen.

Update des Vorgängermodells

Die ESC sah es deshalb an der Zeit für ein Update des Modells: SCORE2 genannt. Ziel des neuen Algorithmus ist eine differenzierte Vorhersage des Risikos in Abhängigkeit des europäischen Landes und im Verhältnis zu anderen „konkurrierenden“ Risiken.

Wie das Vorgängermodell eignet sich SCORE2 demnach für die Einschätzung des 10-Jahres-Risikos von bisher kardiovaskulär gesunden Menschen ohne Diabeteserkrankung, also in der Primärprävention. Die Risikoabschätzung wird dabei in Abhängigkeit des Geschlechts, Alters, des Raucherstatus, systolischen Blutdrucks und des Non-HDL-Cholesterin-Spiegels ausgegeben.

Das ist neu

In folgenden Punkten unterscheidet sich das neue Modell von dem früheren:

  • Das neue SCORE2-Modell erlaubt eine Vorhersage von tödlichen wie nicht-tödlichen kardiovaskulären Ereignissen, in dem Vorgängermodell wurden nur tödliche Ereignisse berücksichtigt.
  • Das neue Modell basiert auf zeitgemäßen, repräsentativen Daten. In dem originalen SCORE stammen die Daten von vor 1986. 
  • Die Altersspanne reicht von 40 bis 69 Jahren (vorher bis 65 Jahre), für über 70-Jährige Patienten wurde ein spezieller Score entwickelt: SCORE2-OP.
  • In dem neuen Modell wird der Einfluss konkurrierender Risiken berücksichtigt: also das Risiko, an einer nicht kardialen Erkrankung zu versterben, in Relation zum kardiovaskulären Risiko. Dadurch ließen sich beispielsweise Therapieentscheidungen speziell für Ältere anpassen, führt die ESC-Arbeitsgruppe als Vorteil auf. 
  • SCORE2 schätzt das Risiko in Abhängigkeit des EU-Landes ein. Die Länder werden anhand des dort herrschenden kardiovaskulären Risikos in vier Kategorien unterteil: niedrig, moderat, hoch, sehr hoch. Im vorherigen SCORE-Modell wurde nur zwischen den beiden Kategorien „niedrig“ und „hoch“ unterschieden.

„Unsere Ergebnisse deuten an, dass SCORE2 die Gesamtlast kardiovaskulärer Erkrankungen besser einschätzt, und, vor allem bei jüngere Menschen, eine bessere Risikodiskriminierung erlaubt als der SCORE“, lautet das Fazit der ESC-Arbeitsgruppe. SCORE2 sei anhand von über 12,5 Millionen Patientendaten aus Dutzenden Ländern entwickelt worden, berichten die Experten über den Entwicklungsprozess. Die Daten stammen aus Register- und Kohortenstudien. Wenn neue Daten für einzelne EU-Länder hinzukämen, könnten diese jeder Zeit in das Modell integriert werden und dieses entsprechend auf Länderebene angepasst werden, so die Autoren.

Gerade bei jüngeren Patienten genauer als Vorgänger-Score

Extern validiert wurde der neue Kalkulator an über einer Millionen Patientendaten (> 43.000 kardiovaskuläre Ereignisse). Dabei hat der neue Score nach Angaben der Entwickler eine moderate bis gute Vorsagekraft über alle Regionen hinweg gezeigt, gemessen am C-Index (entspricht der Area Under the Curve [AUC]), der zwischen 0,67 und 0,81 betrug. Gerade bei jüngeren, zwischen 40 und 50 Jahre alten Patienten hat sich die Risikoprädiktion durch den SCORE2 damit im Vergleich zu der Vorgängerversion signifikant verbessert (p˂ 0,001).

Beispiel für 50-Jährigen aus Deutschland

Deutschland wird im Übrigen in dem neuen Modell ein moderates Risiko zugeschrieben. Ein hierzulande lebender 50-jähriger Mann, der raucht, dessen systolischer Blutdruck bei 150 mmHg und dessen Non-HDL-Cholesterin bei 5,5 mmol/L liegt, weist demzufolge ein geschätztes 10-Jahres-Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis von 12% auf. In einem Niedrigrisiko-Land wie Spanien würde sein Risiko bei 9% liegen, in einem Land mit hohem Risiko wie Polen bei 14% und in einem Hochrisiko-Land für kardiovaskuläre Ereignisse wie Russland bei 22%. Im Falle einer Frau mit vergleichbaren Alter und Risikoprofil reicht die Spanne in Abhängigkeit des Landes von 9% bis 19%. Die entsprechenden Charts sind der Publikation zu entnehmen.  

Einschränkend weist die ESC-Arbeitsgruppe darauf hin, dass in dem SCORE2 Faktoren wie Medikation, Familienanamnese, soziökonomische Faktoren, Ernährung, körperliche Aktivität, Nierenfunktion und Ethnizität nicht berücksichtigt sind. Deshalb ist es ihrer Ansicht ggf. notwendig, den Score im klinischen Kontext zu interpretieren, „speziell bei Menschen, bei denen solche Faktoren relevant sein könnten“. Dazu gehören beispielsweise Patienten, die Lipid- oder Blutdrucksenker einnehmen, Patienten mit einer auffälligen Familienanamnese, mit chronischen Nierenerkrankungen usw.

Literatur

SCORE2 working group and ESC Cardiovascular risk collaboration, SCORE2 risk prediction algorithms: new models to estimate 10-year risk of cardiovascular disease in Europe, Eur Heart J 2021; ehab309, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab309

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