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11.07.2016 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Heterozygote familiäre Hypercholesterinämie

Hohe LDL-Werte beschleunigen Gefäßalterung um Jahrzehnte

Autor:
Philipp Grätzel

Ganz neu ist es nicht, dass hohe LDL-Werte das kardiovaskuläre Risiko erhöhen. Sechs epidemiologische Kohorten liefern jetzt nochmal genau Zahlen: Bei einem LDL ab 190 mg/dl passieren kardiovaskuläre Ereignisse bei Männer 10 bis 20 und bei Frauen 20 bis 30 Jahre früher.

Die Frage taucht immer wieder auf: Sollten Menschen nur wegen eines erhöhten LDL-C-Werts eine Primärprävention mit Statinen erhalten? Und wenn ja, ab welchem LDL-C-Wert macht das Sinn?

Eine neue, gepoolte Auswertung von sechs großen epidemiologischen kardiovaskulären Kohortenstudien liefert jetzt Zahlen für die informierte Entscheidungsfindung. Die Kernfrage war, wie hoch das kardiovaskuläre Langzeitrisiko von Patienten mit angenommener heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie (FH) ist, phänotypisch definiert als LDL-C ≥ 190 mg/dl. Die Analyse bezieht sich auf insgesamt 68.565 Erwachsene aller Altersstufen, von denen 3.850 (5,6 %) ein LDL-Cholesterin von 190 mg/dl oder darüber aufwiesen.

Die Risiken bei FH-Phänotyp

Das Hauptergebnis: Über einen Zeitraum von 30 Jahren haben Menschen mit einem FH-Phänotyp ein fünffach erhöhtes KHK-Risiko und ein vierfach erhöhtes Risiko für neu aufgetretene atherosklerotische Erkrankungen aller Art. Dies gilt nach Adjustierung für die jeweilige Kohorte, Geschlecht, Alter, Ethnie, BMI, Blutdruck, Art der Bluthochdrucktherapie, Cholesterinsenkung, Diabetes, Rauchen und HDL-Wert.

In einem zweiten Schritt haben die Autoren die gleiche Analyse für andere, strengere, aber weiterhin phänotypische FH-Definitionen vorgenommen, etwa indem zusätzlich die Familienanamnesen, teilweise auch andere Lipoproteinfraktionen, berücksichtigt wurden. Dadurch sank erwartungsgemäß der Anteil an FH-Patienten, was aber nichts an der Höhe des relativen Risikos änderte.

Für die Frage, bei wem eine Primärprävention am meisten Sinn macht, sind die globalen relativen Risiken natürlich nur von begrenztem Interesse. Die Autoren von der Northwestern University Feinberg School of Medicine, Chicago, machen deswegen detaillierte Angaben zu den absoluten Ereignisraten und stellen diese in ihrer (frei zugänglichen) Publikation in Abhängigkeit vom Lebensjahrzehnt anschaulich dar. Daran lässt sich erkennen, dass die absoluten kardiovaskulären Ereignisraten bei Männern durch hohe LDL-Werte um ein bis zwei und bei Frauen um zwei bis drei Jahrzehnte nach vorne verschoben werden.

Höchstes Risiko in der mittleren Alterskohorte

Die deutlichsten absoluten Unterschiede im Risiko finden sich in den mittleren Alterskohorten. Wird als Endpunkt beispielsweise koronarer Tod und nicht tödlicher Herzinfarkt gewählt, dann liegt die 30-Jahres-Inzidenz bei Patienten mit hohem LDL und einem Indexalter von 40 bis 59 Jahren bei knapp 25 %, bei einem LDL unter 130 mg/dl sind es keine 10 %. Bei 30- bis 39-Jährigen liegt die koronare 30-Jahres-Ereignisrate bei einem LDL ab 190 mg/dl auch schon bei über 10 %, während sie bei LDL-Werten unter 130 mg/dl noch unter 5 % bleibt.

Auch bei Patienten von 60 bis 69 Jahren ist der Unterschied noch deutlich, während sich die langfristigen Ereignisraten ab dem 70. Lebensjahr in den unterschiedlichen LDL-Kohorten doch deutlich annähern. Die Autoren folgern aus ihren Daten, dass das Ereignisrisiko bei Menschen mit dem FH-Phänotyp insbesondere in den mittleren Alterskohorten erheblich sei und dass deswegen mehr Anstrengungen unternommen werden sollten, diese Patienten zu identifizieren und zu behandeln.

Literatur

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