Nachrichten 13.01.2021

Alkohol & Vorhofflimmern – ist ein Drink am Tag schon zu viel?

Dass regelmäßiger Alkoholkonsum die Entstehung von Vorhofflimmern begünstigt, daran gibt es heute kaum mehr Zweifel. Diskutiert wird aber noch, ob schon geringe Mengen das Risiko erhöhen können. Eine aktuelle Analyse deutet tatsächlich darauf hin. 

Schon ein Drink am Tag erhöht einer aktuellen Analyse zufolge das Risiko für die Entstehung von Vorhofflimmern. Der Konsum von 12 Gramm Alkohol täglich (was etwa einem Drink entspricht) war mit einem um 16% relativ erhöhten Risiko assoziiert im Vergleich zu einer vollständigen Abstinenz (Hazard Ratio, HR: 1,16; p ˂ 0,001), ganz egal, welche Art von Alkohol konsumiert wurde.

Wie problematisch sind geringe Alkoholmengen?

Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und der Entstehung von Vorhofflimmern gilt mittlerweile als ziemlich gesichert. Kontrovers diskutiert wird aber noch, ob es eine Art Schwellenwert gibt, ab welchem das Trinkverhalten problematisch wird. Unklar ist also, ob Menschen, die wenig Alkohol zu sich nehmen, ebenfalls ein erhöhtes Risiko aufweisen.

Der aktuellen Analyse zufolge scheint tatsächlich schon ein geringer Konsum ein gewisses Risiko zu bergen. Ab 2 Gramm Alkohol/Tag – das ist noch nicht mal ein halber Drink pro Tag – ließ sich bereits ein signifikant erhöhtes Risiko nachweisen, auch wenn nur um relativ 2% (HR: 1,02).

Bei einem bis zwei Gläser pro Tag stieg das Risiko relativ um 28% (p = 0,001). Teilnehmer, die mehr als vier Drinks pro Tag zu sich genommen haben, wiesen ein um 47% höheres Vorhofflimmern-Risiko auf als jene, die ihr Leben lang auf Alkohol verzichteten, nach Adjustierung auf diverse Einflussfaktoren wie Geschlecht und andere kardiovaskuläre Risikofaktoren (p = 0,001).

„Schon ein mäßiger regelmäßiger Alkoholkonsum von 1,2 Drinks/Tag war mit einem Anstieg von Vorhofflimmern assoziiert, was in der Prävention von Vorhofflimmern berücksichtigt werden sollte“, fassen die Studienautoren um Dr. Dora Csengeri ihre Ergebnisse im European Heart Journal zusammen.

Analyse von über 100.000 Patientendaten

Die Kardiologen vom Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg haben für diese Analyse Daten von 107.845 Personen aus insgesamt fünf Studienkohorten gepoolt und ausgewertet. Alle Teilnehmer wiesen zu Studienbeginn keine Vorhofflimmern-Diagnose auf, das mittlere Alter betrug 47,8 Jahre, der durchschnittliche Alkoholkonsum lag bei 3 Gramm/Tag. Im mittleren Beobachtungszeitraum von knapp 14 Jahren wurde bei 5.854 Personen erstmalig Vorhofflimmern detektiert. 

Alkoholverzicht als Prävention und als „Therapie“

Was heißt das jetzt für den Alltag? In einem Editorial bewerten Dr. Jorge Wong und Dr. David Conen von der McMaster Universität in Hamilton die neuen Daten in dem Kontext der bisherigen Literatur und kommen zu dem Schluss, dass eine Reduktion des Alkoholkonsums bedeutend sein könnte für beides: für die Prävention und das Management von Vorhofflimmern. Sie verweisen in diesem Kontext auf eine 2019 im New England Journal of Medicine publizierte randomisierte Studie. Diese hatte den Beweis erbracht, dass Patienten, die bereits an Vorhofflimmern erkrankt sind, ihr Risiko für weitere Arrhythmie-Episoden deutlich verringern können, wenn sie auf Alkohol verzichten.

Aber: Geringe Mengen scheinen sich bei anderen Herzerkrankungen günstig auszuwirken

Was die Schwelle betrifft, äußern sich beide Kardiologen allerdings etwas zurückhaltend, da geringe Mengen an Alkohol sich mit Blick auf andere Herzerkrankungen wie Herzinfarkt und Herzinsuffizienz eher günstig auswirken könnten (wenngleich dies ebenfalls seit Jahren kontrovers diskutiert wird). So zeigte der Zusammenhang zwischen Alkohol und Herzinsuffizienz in der aktuellen Analyse tatsächlich eine J-Kurve, geringe Mengen gingen somit mit einem geringeren Risiko einher. Am niedrigsten war das Risiko für die Entstehung einer Herzinsuffizienz bei Mengen bis zu 20 Gramm/Tag, was etwas mehr als eineinhalb Gläsern entspricht (1,6 Drinks).

Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und den gemessenen kardialen Biomarkern NT-proBNP und hochsensitiven Troponin I fiel dagegen schwach aus. Die Höhe der Biomarker hatte keinen Einfluss auf die Assoziation zwischen Alkohol und Vorhofflimmern, sodass die zu beobachtende Risikoerhöhung nicht durch einen Biomarkeranstieg zu erklären ist.

Und: Wie hoch ist eigentlich das absolute Risiko?

Vorsichtig bei der Interpretation der Daten sind Wong und Conen aber auch deshalb, weil das absolute Risiko für die Entwicklung von Vorhofflimmern bei geringem Alkoholkonsum in der Analyse nicht angegeben wurde. Das Wissen darum wäre ihrer Ansicht nach wichtig, um die Nettowirkung eines moderaten Alkoholkonsums beurteilen zu können, also wenn die möglicherweisen positiven Effekte auf andere kardiovaskuläre Erkrankungen mit berücksichtigt werden. Die Kommentatoren vermuten, dass das absolute Risiko bei niedrig bis moderatem Alkoholkonsum „wahrscheinlich gering war“.

Ihrer Ansicht nach sollte der Nettobenefit geringer Alkoholmengen deshalb in weiteren Studien untersucht werden, „idealerweise in adäquat gepowerten randomisierten Studien“. Bis dahin überlassen sie die Entscheidung jedem Menschen selbst: „Jeder Einzelne muss seine eigene wohlüberlegte Entscheidung treffen, ob er den Konsum von bis zu einem 1 Drink pro Tag für lohnend und sicher hält.“

Literatur

Csengeri D et al. Alcohol consumption, cardiac biomarkers, and risk of atrial fibrillation and adverse outcomes. Eur Heart J 2021; 00, 1–8; DOI:10.1093/eurheartj/ehaa953

Wong J, Conen C. Alcohol consumption, atrial fibrillation, and cardiovascular disease: finding the right balance. Eur Heart J 2021; 00, 1–2; DOI:10.1093/eurheartj/ehaa955

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