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21.08.2018 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Ernährung

Wie viel Kohlenhydrate man für ein langes Leben essen sollte

Autor:
Veronika Schlimpert

„Low-Carb“ ist im Trend. Doch eine kohlenhydratarme Ernährungsweise scheint auf Dauer nicht gesundheitsförderlich zu sein, wie jetzt eine Bevölkerungsstudie mit über 15.000 Teilnehmern nahelegt – zumindest dann nicht, wenn stattdessen viel Fleisch gegessen wird.

Den Kohlenhydrat-Anteil in der Ernährung zu reduzieren, mag vielleicht kurzfristig bei der Gewichtsabnahme helfen. Langfristig scheint eine solche Ernährungsweise aber keinen Überlebensvorteil zu bringen.

Der optimale Kohlenhydratanteil liegt einer aktuellen Studie zufolge nämlich bei 50 bis 55% der täglichen Energiezufuhr. Jedenfalls war dann das Sterberisiko der Teilnehmer am geringsten.

Die viel wichtigere Botschaft dieser in „The Lancet Public Health“ publizierten Studie ist aber: Es kommt viel weniger darauf an, wie viele Kohlenhydrate man zu sich nimmt als darauf, durch welche Nahrungsmittel diese ersetzt werden.

Fett ist nicht mehr der Bösewicht

Früher fokussierten sich Wissenschaftler vor allem auf den Fettanteil in der Ernährung. Besonders ungesättigte Fettsäuren und Transfette sind in Verruf geraten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begünstigen.

Spätestens seit der im Jahr 2017 publizierten PURE-Studie sind auch Kohlenhydrate stärker ins Visier der Ernährungswissenschaftler geraten. In dieser weltweiten Bevölkerungsstudie, in der mehr als 135.000 Probanden nachbeobachtet worden sind, ging ein hoher Fettanteil wider Erwarten mit einer niedrigeren Sterblichkeit einher. Eine hohe Zufuhr an Kohlenhydraten verkürzte dagegen das Leben.

Für die aktuelle Analyse haben Wissenschaftler um Dr. Sara Seidelmann Daten der in Kardiologenkreisen bekannten epidemiologischen ARIC-Studie ausgewertet. Das Ernährungsverhalten von 15.428 Personen aus vier US-Bundesstaaten wurde zu Studienbeginn und sechs Jahre darauf abgefragt und mit den während der folgenden 23 Jahren dokumentierten Todesraten korreliert.

Geringere Überlebenschance bei < 30% Kohlenhydrat-Anteil

Auch in dieser Studie ging eine hohe Kohlenhydratzufuhr mit einem höheren Sterberisiko einher. Eine niedrige Zufuhr wirkte sich aber ebenfalls nachteilig auf die Überlebenschancen aus.

Die Studienautoren schätzen, dass ein 50-jähriger Mann, der weniger als 30% seiner täglichen Energiezufuhr über Kohlenhydrate aufnimmt, eine um vier Jahre kürzere Lebenserwartung hat, als wenn der Kohlenhydratanteil in seiner Ernährung 50 bis 55% betragen würde (29,1 vs. 33,1 Jahre). Wird sein Energiebedarf zu über 65% durch Kohlenhydrate gedeckt, verliert er dieser Berechnung zufolge 1,1 Lebensjahre.

Um ihre Ergebnisse zu bekräftigen, haben die Wissenschaftler ihre Daten mit denen sieben weiterer prospektiver Studien in einer Metaanalyse gepoolt und ausgewertet; 432.179 Probanden gingen in die Analyse ein.

Auch hier war ein Kohlenhydratanteil von > 70%  der täglichen Energiezufuhr mit einem um 23% höheren Sterberisiko assoziiert (im  Vergleich zu einem Anteil von 50 bis 55%). Bei einer geringen Kohlenhydratzufuhr (< 40%)  waren die Überlebenschancen der Teilnehmer um relativ 20% geringer.

Es kommt darauf an, was man stattdessen isst

Mit Blick auf die genaue Zusammensetzung der Ernährung stellte sich allerdings heraus, dass das Sterberisiko bei einer kohlenhydratarmen Ernährung nur dann erhöht war, wenn die Kohlenhydrate durch tierische Fette und Proteine ersetzt worden sind, also die Teilnehmer viel Rind, Lamm, Schwein usw. gegessen hatten (HR: 1,18).

Bevorzugten die Probanden stattdessen Lebensmittel mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Fetten und Proteinen wie Nüsse, Schokolade, Vollkornbrot statt Weißbrot usw. war ihr Sterberisiko geringer (HR: 0,82).

Low-Carb mit Fleisch ist nicht zu empfehlen

„Diese Daten liefern weitere Evidenz dafür, dass man von einer kohlenhydratreduzierten, auf tierischen Produkten basierenden Diät  abraten sollte“, resümieren Seidelmann und Kollegen. Alternativ scheine es – wenn der Kohlenhydratanteil gesenkt wird – für ein gesundes Altern womöglich förderlich zu sein, Kohlenhydrate durch pflanzliche Fette und Proteine zu ersetzen.

Nach Ansicht von Prof. Andrew Mente und Prof. Salim Yusuf ist die zu beobachtende U-förmige Assoziation zwischen der Kohlenhydratzufuhr und der Sterblichkeit zwar plausibel. Es sei wohl so ähnlich wie bei den meisten essenziellen Nährstoffen: zu wenig ist nicht gut, weil dann Mangelzustände entstehen, zu viel ist nicht gut, weil dann eine toxische Schwelle überschritten wird, erläutern sie in ihrem Kommentar. Trotzdem seien Störfaktoren bei solchen Beobachtungsstudien nicht auszuschließen, vor allem wenn der zu beobachtende Effekt nur moderat sei wie in der aktuellen Analyse.

Eine weitere Limitation der Studie ist, dass das Ernährungsverhalten im weiteren Studienverlauf nicht weiter erfasst worden ist. Es ist anzunehmen, dass sich das Essverhalten einiger Teilnehmer innerhalb der nächsten 20 Jahre verändert hat.

Der Mittelweg ist am besten

Es ist also  – wie bei den meisten Ernährungsstudien – fraglich, ob hinter der gezeigten Assoziation eine Kausalität besteht. So könnten andere Komponenten der Ernährungsweise oder generell des Lebensstils, die mit einem jeweiligen Kohlenhydratanteil einhergehen, die eigentliche Ursache der Risikosenkung bzw. Risikoerhöhung darstellen.

Trotz ihrer Einwände vertreten auch Mentes und Yusuf die Ansicht, dass eine moderate Kohlenhydratzufuhr von etwa 50% des Energiebedarfs für die Allgemeinbevölkerung  wahrscheinlich förderlicher ist als eine sehr niedrige oder hohe Zufuhr. Dies sei mit einer ausgewogenen Ernährung mit Früchten, Gemüse, Nüssen, Fischen usw. – alles in Maßen – wohl am ehesten in Einklang zu bringen.

Literatur

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