Nachrichten 15.07.2016

Zunehmender Body-Mass-Index korreliert mit früherer Sterblichkeit

Ab einem Body-Mass-Index von etwa 25 steigt die Gesamtsterblichkeit deutlich an. Das zeigt eine Gesamtauswertung von über 3 Millionen Patienten aus 189 Studien. Verantwortlich sind dafür auch, aber nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

An epidemiologischen und klinischen Daten zum Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Sterblichkeit mangelt es nicht. Einzelne Studien, die ein erhöhtes Sterberisiko bei Menschen mit Übergewicht konstatierten, wurden aber wegen suboptimaler Studiendesigns kritisiert. Ein internationales Wissenschaftlerkonsortium unter dem Namen Global BMI Mortality Collaboration hat eine Auswertung vorgelegt, die die vorerst maßgebliche Statistik zu diesem Thema sein dürfte.

Mehr als zehn Millionen Personen aus 239 prospektiven Studien in Asien, Ozeanien, Europa und Nordamerika wurden im Hinblick auf BMI, Todeszeitpunkt und Erkrankungsanamnese ausgewertet. Um Störgrößen zu reduzieren, wurden ausschließlich Nichtraucher berücksichtigt, die zum Zeitpunkt des Einschlusses in die jeweilige Mutterstudie noch keine bekannte chronische Erkrankung hatten und die in ihrer jeweiligen Studie mindestens fünf Jahre überlebt hatten. Diese Voraussetzungen erfüllten in 189 Studien knapp vier Millionen Studienteilnehmer.

Vorzeitiger Tod vor allem bei Männern

Als Bezugsgröße für die Gesamtmortalität dienten all jene Personen, die einen qua WHO-Definition normalen BMI von 20,0 bis < 25,0 kg/m2 aufwiesen. Lag der BMI nur leicht darüber (25,0 bis < 27,5 kg/m2), war die Sterblichkeit bereits um signifikante 7 % erhöht. Bei einem BMI zwischen 27,5 und 30 kg/m2 waren es 20 %. Bei Adipositas Grad 1 (BMI 30,0 bis < 35,0 kg/m2) war die Gesamtsterblichkeit um 45 % erhöht, bei Grad 2 (BMI 35,0 bis < 40,0 kg/m2) um 94 % und bei Grad 3 (BMI 40,0 bis < 60,0 kg/m2) um 176 %.

Die enge Beziehung zwischen BMI und Mortalität fanden die Wissenschaftler nicht nur bei der Gesamtsterblichkeit, sondern auch für alle wichtigen einzelnen Todesursachen. So gab es eine starke Korrelation zwischen BMI und koronarer Mortalität, zwischen BMI und Tod durch Lungenerkrankung sowie zwischen BMI und Tod durch Schlaganfall. Etwas schwächer, aber vorhanden, war die Korrelation zwischen BMI und krebsbedingter Mortalität.

Mit ihren Daten haben die Wissenschaftler eine Reihe interessanter Berechnungen angestellt. Zum einen haben sie für eine bessere Anschaulichkeit den Anteil jener Menschen berechnet, die zwischen dem 35. und 69. Lebensjahr sterben, also eine Art absolute Todesrate für frühzeitigen Tod. In den 189 Studien waren 19 % der Männer und 11 % der Frauen mit normalen BMI bis zu diesem Zeitpunkt verstorben. Bei Adipositas Grad I sind es dagegen 29,5 % (Männer) bzw. 14,6 % (Frauen).

Bleibt die Frage: Was tun?

Unter der Hypothese, dass erhöhter BMI und frühzeitiger Tod kausal zusammenhängen, wurde außerdem berechnet, welcher Anteil der Todesfälle in unterschiedlichen geographischen Regionen auf Übergewicht und Adipositas zurückgeht. Demnach ist zu hohes Körpergewicht für 19 % aller Todesfälle in Nordamerika, für 16 % in Ozeanien und für 14% in Europa verantwortlich. In Asien sind es nur für 5 %, was auf einen vergleichsweise geringen Anteil stark übergewichtiger Menschen in dieser Region zurückzuführen ist.

In einem begleitenden Editorial setzen sich Experten der National Institutes of Health eher kritisch mit der Arbeit auseinander. Vor allem bleibe die Frage unbeantwortet, welche Public Health-Maßnahmen unternommen werden sollten, um der Übergewichtsproblematik Herr zu werden. Erinnert wird unter anderem daran, dass sich in (auch längerfristigen) Studien zu Gewichtsinterventionen kein Effekt des Gewichtsverlusts auf kardiovaskuläre Ereignisse nachweisen ließ. Durch immer größere Datensätze alleine ließen sich viele wichtige Fragen zu globalen Public Health-Problemen jedenfalls nicht lösen, so die Kommentatoren. 

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Bildnachweise
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018
Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018/© DGK