Onlineartikel 25.11.2015

Professionelle Reanimation: Nur drücken oder auch mal pusten?

Ist im professionellen Rettungswesen eine kontinuierliche Herzdruckmassage als Initialmaßnahme besser als die klassische 30-zu-2-Reanimation? Die Antwort einer großen nordamerikanischen Studie lautet: nein. Sie lässt sich aber schwer auf Deutschland übertragen.

Randomisierte Studien zur kardiopulmonalen Reanimation sind sehr aufwändig. Das Resuscitation Outcome Consortium (ROC), ein Netzwerk aus zehn klinischen Zentren in Nordamerika, hat sich an ein solches Studienprojekt gewagt. Bei über 23.000 Patienten mit Kreislaufstillstand außerhalb eines Krankenhauses wurden zwei verschiedene Methoden der Reanimation evaluiert.

In der einen Gruppe erfolgte eine kontinuierliche Herzdruckmassage zu drei Sets à 2 Minuten, unterbrochen nur durch Rhythmusanalyse und ggf. Defibrillation. In den Mund wurde ein Guedel-Tubus eingelegt, eine asynchrone Beatmung mit einer Frequenz von zehn pro Minute sollte erfolgen, sobald die Reanimationssituation das erlaubte.

In der anderen Gruppe wurden in klassischer Manier Kompressionen und Beatmung via Guedel-Tubus im Verhältnis 30-zu-2 durchgeführt, und zwar zu je fünf Sets am Stück. Das ganze wurde in beiden Gruppen so lange fortgeführt, bis eine Intubation erfolgt war bzw. bis der Patient erfolgreich reanimiert war bzw. bis sechs Minuten vorbei waren. In letzterem Fall wechselte das Team dann auf das jeweilige lokale Standardvorgehen.

Tendenzielle Vorteile der klassischen Reanimation

Primärer Endpunkt war die Überlebensrate bei Entlassung aus dem Krankenhaus. Sie betrug in der Interventionsgruppe 9,0% und in der Gruppe mit 30-zu-2-Reanimation 9,7%. Der Unterschied war mit einem p-Wert von 0,07 gerade nicht signifikant. Allerdings zeigten auch diverse sekundäre Endpunkte im Trend eher auf Vorteile für das klassische Vorgehen, und bei dem Parameter „krankenhausfreies Überleben“ war der Unterschied zugunsten der 30-zu-2-Reanimation signifikant.

In einem begleitenden Editorial spekuliert Professor Rudolph Koster vom Academic Medical Center Amsterdam, ob die erst im Oktober 2015 aktualisierten US-Leitlinien als Ergebnis dieser Studie nicht geändert werden müssten. Die US-Leitlinien enthalten eine neue Empfehlung mit dem Empfehlungsgrad IIb, wonach es sinnvoll sein könnte, der kontinuierlichen Reanimation den Vorzug zu geben.

Kein Änderungsbedarf für deutsche Leitlinien

Für die ebenfalls neuen deutschen Leitlinien des German Resuscitation Council (GRC), eine Übersetzung der im Oktober 2015 aktualisierten Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC), sieht Professor Bernd Böttiger von der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln dagegen keinen Änderungsbedarf. „Wir haben in Deutschland und in Europa keine solche Empfehlung. Darüber hinaus sind die Ergebnisse dieser Studie nicht auf Deutschland übertragbar, schon deswegen, weil das deutsche Rettungswesen mit Notärzten und nicht mit Paramedics arbeitet“, so Böttiger.

Ablesbar seien die Unterschiede unter anderem an der Tatsache, dass in der US-Studie lediglich rund die Hälfte der Patienten erfolgreich intubiert wurde. In Deutschland liege diese Quote bei über 90 Prozent, so Böttiger. Mit anderen Worten: Patienten, die in Deutschland reanimiert werden, werden viel häufiger, effektiver und auch schneller intubiert. Und dann ist die Empfehlung ohnehin eine kontinuierliche Druckmassage mit einer Ventilation von zehn pro Minute über den Tubus.

Es ging nicht um Laienreanimation

Worum es in der nordamerikanischen Studie nicht ging, ist die Laienreanimation. Hier lautet die Empfehlung der europäischen Leitlinien, dann mit 30-zu-2 zu reanimieren, wenn derjenige, der die Herzdruckmassage durchführt, die Beatmung beherrscht und diese auch durchführen möchte. Ansonsten ist hier die kontinuierliche Herzdruckmassage die richtige Wahl. Eine solche Laienreanimation verdoppelt bis vervierfacht das Überleben.

Literatur

Nichol Graham et al. Trial of Continuous or Interrupted Chest Compressions during CPR; New Engl J Med 2015; 9. November 2015; doi: 10.1056/NEJMoa1509139
Koster R.W. Continuous or Interrupted Chest Compression for Cardiac Arrest; New Engl J Med 2015; 9. November 2015; doi: 10.1056/NEJMe1513415
German Resuscitation Council; Reanimation 2015 – Leitlinien Kompakt