Nachrichten 01.09.2021

Kochsalzersatz senkt tatsächlich das Schlaganfall- und Sterberisiko

Die randomisierte SSaSS-Studie hat endgültig den Beweis erbracht, dass die Substitution von Kochsalz durch ein spezielles Salz Schlaganfälle und Herzkomplikationen verhindern kann. Für Experten ist SSaSS eine Landmark-Studie – die Politik und Industrie zum Umdenken bewegen sollte.

Die Reaktionen auf die beim ESC-Kongress präsentierte SSaS-Studie überschlugen sich: Das sei eine Landmark-Studie, so Prof. Barbara Casadei, Universität Oxford, sie werde bei diesen Ergebnissen fast emotional. „Die Studie per se ist außergewöhnlich“, kommentierte Prof. Bryan Williams. „Die Power der Studie ist gewaltig“, so der Kardiologe vom University College London.

Ursache für diese überwältigende Resonanz ist zum einen das Design der chinesischen Studie, zum anderen ihre eindeutigen Ergebnisse.

Spezielles Salz mit 25% Kaliumchlorid

Ein Forscherteam um Prof. Bruce Neal hat es nämlich fertiggebracht, 20.995 Personen zu randomisieren. Gleichfalls besonders war, dass hierfür ganz Dörfer in China randomisiert wurden: 300 zur Intervention und 300 zur Kontrolle. Aus diesen Dörfern wurden wiederum 35 Personen rekrutiert. Die Teilnehmer aus einem zur Intervention zugeteilten Dorf sollten ab sofort konventionelles Kochsalz durch ein spezielles Salz ersetzen. Das Ersatzsalz bestand zu 75% aus Natriumchlorid und zu 25% aus Kaliumchlorid. Die Teilnehmer aus den „Kontrolldörfern“ sollten normales Kochsalz (100% Natriumchlorid) zum Salzen verwenden so wie bisher.

Alle Studienteilnehmer wiesen ein hohes kardiovaskuläres Risiko auf. 72,6% hatten bereits einen Schlaganfall erlitten, bei den anderen lag ein schwer kontrollierbarer Bluthochdruck vor.

„Salzersatz ist effektiv“

Während des knapp fünfjährigen Follow-up traten Schlaganfälle bei den Teilnehmern, die das spezielle Salz verwendeten, deutlich seltener auf als bei denen mit üblicher Kochsalzzufuhr. Die Intervention senkte das relative Risiko für diesen primären Endpunkt um 14% signifikant (relatives Risiko, RR: 0,86; p=0,006).

Schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (sekundärer Endpunkt) waren in der Gruppe mit Salzersatz ebenfalls deutlich seltener (RR: 0,87; p˂0,001). Und schließlich konnte die Salzintervention auch das Sterberisiko signifikant verringern (RR: 0,88; p˂0,001).

„Die SSaSS-Studie zeigt, dass eine Salzsubstitution effektiv ist in der Prävention von Schlaganfällen und schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen sowie vorzeitigen Todesfällen“, resümierte Studienautor Neal beim ESC-Kongress. Hinweise für eine schädliche Wirkung habe es nicht gegeben, führte der am George Institut in Australien tätige Wissenschaftler argumentativ aus. So waren Hyperkaliämien, die bei einer vermehrten Kaliumzufuhr theoretisch möglich wären, in der Interventionsgruppe nicht häufiger als in der Kontrolle (RR: 1,04; p=0,76). Genauso wenig kam es vermehrt zu vaskulär bedingten Todesfällen, wie Neal berichtete, die potenziell durch Hyperkaliämie getriggerte Arrhythmien verursacht werden könnten.

Nahrungsmittelindustrie und Politik sollten reagieren

Der australische Mediziner erhofft sich, dass die Erkenntnisse aus der SSaSS-Studie die Gesundheit der ganzen Weltbevölkerung beeinflussen werden. „Wir glauben, dass die Ergebnisse weltweit wahrscheinlich für jeden relevant sind, der Salz isst“, so Neal. Besonders aber für solche Länder, wo die Bevölkerung das meiste Salz durch eigenes Zusalzen zu sich nehme wie in Afrika oder asiatischen Ländern.

In Deutschland macht das selber Salzen weniger als 25% der Kochsalzzufuhr aus, spricht das meiste Salz wird hierzulande über verarbeitete Lebensmittel aufgenommen. Aber auch für solche Länder könnten die Ergebnisse von SaSS weitreichende Änderungen zur Folge haben, wenn Politik und Industrie darauf reagieren, wie Neal in seiner Conclusion erläuterte. „Die Nahrungsmittelindustrie auf der ganzen Welt könnte ihre Rezepturen auf einen geringeren Natrium- und höheren Kaliumanteil umstellen“, erörtere der Wissenschaftler eine mögliche Strategie. Und Neal setzte fort: „Die Regierungen auf der ganzen Welt könnten von regulären Salzkonsum abraten und Maßnahmen ergreifen, um eine Salzsubstitution zu fördern.“

„Die Debatte ist hiermit beendet“

Auch Prof. Williams, der die Studie im Anschluss an ihre Präsentation diskutierte, forderte als Reaktion auf die neuesten Ergebnisse gesellschaftliche Maßnahmen. „Diejenigen, die einen potenziellen Nutzen einer Salzrestriktion in der kardiovaskulären Prävention angezweifelt haben, müssen einsehen, dass sie falsch lagen“, so der Bluthochdruckexperte. „Die Debatte ist hiermit beendet“, machte er unmissverständlich deutlich. Dabei spielt es für Williams letztlich keine Rolle, was genau bei der Salzsubstitution gewirkt hat, also ob allein die geringere Aufnahme von Natriumchlorid oder ob die erhöhte Zufuhr von Kalium oder beides für die Risikoreduktion verantwortlich waren: „Das ist unklar, aber offen gesagt, es spielt keine wirkliche Rolle, weil das eine Intervention ist, die funktioniert hat.“

„Außergewöhnlich für eine solche simple Intervention“

Besonders beeindruckt zeigt sich der Kardiologe von der erreichten Reduktion des Sterberisikos: „Diese ist wirklich außergewöhnlich für eine solch simple Intervention“. Mit insgesamt 5.000 MACE-Ereignissen hält er die Aussagekraft der Ergebnisse für sehr überzeugend. Andere Studien, die bei diesem Kongress vorgestellt wurden, hätten noch nicht mal solch eine Zahl an Teilnehmern gehabt.

Ein weiteres Argument, welches Williams zufolge für die Salzsubstitution spricht, ist ihre Realisierbarkeit. In der Studie setzen 92% der Teilnehmer die Intervention bis zum Ende der Studie fort. Die Patienten seien offensichtlich in der Lage gewesen, sie zu befolgen, schloss er daraus.

Abzuwarten bleibt, wie sich entsprechende Maßnahmen in anderen Ländern der Welt umsetzen lassen. Da die Studie allein in China durchgeführt wurde, ist die Generalisierbarkeit der Ergebnisse ein Punkt, den man als Limitierung anbringen könnte.

Literatur

Neal B: SSaSS: Salt Substitute and Stroke Study into the effect of salt substitutes on cardiovascular events and death, Hot Line - SSaSS; ESC Congress 2021 – The Digital Experience, 27. bis 30. August 2021

Neal B et al. Effect of Salt Substitution on Cardiovascular Events and Death; N Engl J Med. 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2105675

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