Nachrichten 03.12.2021

Ärger und Aufregung könnten Schlaganfälle auslösen

Über langfristige Risikofaktoren für einen Schlaganfall weiß man viel. Wenige Daten gibt es allerdings zu akuten Auslösern. In einer Studie fiel nun auf, dass Schlaganfallpatienten vor dem Ereignis auffällig häufig starke Gefühlsregungen hatten. 

Ärger und emotionale Aufregung könnten akute Auslöser für einen Schlaganfall sein. Darauf deuten die Ergebnisse der Fallkontrollstudie INTERSTROKE hin.

„In dieser großen internationalen Studie berichten wir, dass Ärger und emotionale Aufgeregtheit eine Stunde vor dem Auftreten eines Schlaganfalles relativ häufig sind und diese Gefühle mit allen Schlaganfall-Typen assoziiert waren, besonders mit intrazerebralen Blutungen“, fassen die Studienautoren um Prof. Andrew Smyth ihre Ergebnisse zusammen.

Im Rahmen der Studie befragte das internationale Forscherteam 13.463 Patienten, die erstmalig einen akuten Schlaganfall erlitten haben, ob sie in der Stunde vor dem Ereignis Ärger oder Aufregung verspürt oder sich stark körperlich angestrengt hätten. 41,4% füllten den Fragebogen vollständig aus. 9,2% der Befragten berichteten tatsächlich von solchen Gefühlsregungen kurz vor dem Akutereignis, 5,3% gaben an, sich kurz zuvor stark körperlich angestrengt zu haben.

Auffällig viele berichten über Gefühlsausbrüche vor dem Akutereignis

Im Vergleich zur Kontrollperiode (1 Stunde am Tag vor dem Ereignis) gingen Ärger und Aufregung während der Fallperiode (1 Stunde vor dem Ereignis) mit einem um 37% erhöhten relativen Schlaganfallrisiko einher, nach Adjustierung auf bekannte Risikofaktoren (Odds Ratio, OR: 1,37; 95%-KI: 1,15–1,64). Besonders hoch war das Risiko im Falle solcher Gefühlsausbrüche für das Auftreten intrazerebraler Blutungen (OR: 2,05, 99%-KI: 1,40–2,99). Bei schweren körperlichen Anstrengungen erhöhte sich zwar das Risiko für Hirnblutungen (OR: 1,62; 99%-KI: 1,03–2,55), nicht aber generell das Risiko für Schlaganfälle oder ischämische Schlaganfälle.

Wenn mehrere Faktoren zusammenkamen, also Ärger bzw. Aufregung plus körperliche Anstrengung, zeigte sich kein additiver Effekt, also das Risiko war in diesem Falle nicht höher als bei einer Exposition mit nur einem Trigger.

Möglicher Mechanismus

Die von den Autoren postulierte mechanistische Erklärung für die zu beobachtende Zusammenhänge klingt plausibel: Man gehe davon aus, dass Trigger wie die akute Exposition gegenüber Ärger und emotionalen Gefühlen oder schweren körperlichen Strapazen das sympathische Nervensystem aktiviere, die Katecholamin-Sekretion ankurbele und zur Vasokonstriktion, einer erhöhten Herzfrequenz und erhöhten Blutdruck führe. Die Wissenschaftler vermuten zudem, dass bei den unterschiedlichen Schlaganfall-Typen unterschiedliche körperlichen Reaktionen beteiligt sind. So könne ein kurzfristiger Blutdruckanstieg die Entstehung von intrazerebralen Blutungen begünstigen, wohingegen ein Anstieg der Herzfrequenz Vorhofflimmern auslösen und das wiederum zur Thrombosbildung mit anschließender Entstehung eines ischämischen Schlaganfalls führen könnte.

Zur Schlaganfallprophylaxe könnte den Autoren zufolge deshalb eine Minimierung der Exposition gegenüber entsprechender Trigger beitragen. Dabei sei die Evidenz im Falle der starken körperlichen Anstrengung weniger überzeugend, geben sie zu bedenken. Da sich sportliche Betätigungen bekanntermaßen auf lange Sicht günstig auf das kardiovaskuläre Risiko auswirken, raten Smyth und Kollegen weiterhin zur regelmäßiger körperlicher Bewegung.

Aber: Keine Kausalität bewiesen

Die mitunter größte Limitation der aktuellen Studie ist sicherlich, dass die vermeintlichen Trigger rückblickend erfragt wurden. So könnten nur solche Personen geantwortet haben, die sich tatsächlich an ein Ärgernis oder dergleichen erinnern. Und wichtig: Das beobachtende Design erlaubt keine Aussage zur Kausalität. Es lässt sich somit nicht daraus ableiten, dass die Gefühlszustände tatsächlich ursächlich den Schlaganfall ausgelöst haben.

Literatur

Smyth A et al. Anger or emotional upset and heavy physical exertion as triggers of stroke: the INTERSTROKE study, Eur Heart J 2021;, ehab738, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab738

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