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04.04.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Familiäre Hypercholesterinämie

Sehr hohe LDL-Werte: FH seltener die Ursache als vermutet

Autor:
Philipp Grätzel

Bei Patienten mit sehr hohen LDL-Werten sind die klassischen familiären Hypercholesterinämie-Gene seltener als bisher angenommen. Wenn sie aber vorliegen, steigt das KHK-Risiko ganz erheblich.

Nur bei etwa 2% aller Patienten mit LDL-Werten von über 190 mg/dl lassen sich Mutationen in einem der drei klassischen Gene für die familiäre Hypercholesterinämie nachweisen. Das zeigt die bisher größte genetische Sequenzierungsstudie zu diesem Thema. Sie wurde von Dr. Amit V. Khera vom Massachusetts General Hospital bei der 65. Jahrestagung des American College of Cardiology (ACC) in Chicago vorgestellt.

In der Analyse, für die die Kardiologen mit Genetikern der Harvard Medical School und des Bostoner MIT zusammengearbeitet haben, wurden genetische Daten von über 26.000 Patienten ausgewertet, die aus mehreren großen Patientenkohorten stammten. Die drei Gene, die sich die Wissenschaftler vor allem angesehen haben, sind jene, die üblicherweise als ursächlich für die familiäre Hypercholesterinämie angeführt werden, nämlich das Gen für den LDL-Rezeptor, das PCSK9-Gen und das Gen für Apolipoprotein B.

FH-Genmutationen nur in 2% aller Fälle

Dass nur 2% aller Menschen mit LDL-Werten über 190 mg/dl eine oder mehrere Mutationen in diesen drei Genen aufweisen, weicht deutlich von bisherigen Schätzungen ab, die teilweise bis 25% gingen. Grund für die deutlich höheren Quoten in früheren Untersuchungen könnte sein, dass die älteren Studien nicht populationsbasiert waren, sondern in der Regel auf Patienten mit weiteren Risikofaktoren fokussierten, darunter eine positive Familienanamnese. Teilweise wurden auch gezielt Patienten genetisch untersucht, die sehr früh hohe Cholesterinwerte hatten, was den Anteil der mutierten Patienten ebenfalls künstlich in die Höhe getrieben haben könnte.

Die Botschaft der neuen Analyse ist, dass sehr hohe Cholesterinwerte eher multifaktoriell bedingt sind, und sich nur ausnahmsweise auf einzelne Gene zurückführen lassen. Khera nannte die Ernährung und den Bewegungsmangel, aber auch unspezifische genetische Faktoren, die das Hypercholesterinämierisiko einzeln nur leicht erhöhen, sich aber addieren können.

Mit FH-Mutationen deutlich höheres Risiko

In einem zweiten Schritt haben die Kardiologen untersucht, wie genau es sich mit dem kardiovaskulären Risiko bei ihren nicht selektierten Mutationsträgern im Vergleich zu jenen Patienten verhält, die zwar Cholesterinwerte von über 190 mg/dl, aber keine Mutation in den drei klassischen Genen aufweisen.

Und da gab es einen deutlichen Unterschied. Während Menschen mit einem LDL-Wert über 190 mg/dl, aber ohne Mutation, im Vergleich zu Kontrollprobanden mit LDL-Werten unter 130 mg/dl ein „nur“ sechsfach erhöhtes Risiko aufwiesen, früh, also vor dem 55. Lebensjahr (Männer) bzw. 65. Lebensjahr (Frauen), eine klinisch manifeste KHK zu entwickeln, war das Risiko bei den Mutationsträgern mit einem LDL-Wert über 190 mg/dl zweiundzwanzigfach erhöht.

Der wahrscheinlichste Grund für diesen Unterschied sei die längere Exposition gegenüber sehr hohen LDL-Werten bei den Mutationsträgern, so die Wissenschaftler. Angesichts dessen stelle sich die Frage, ob es nicht Sinn machen könnte, für die Hochrisikomutationen in einem frühen Alter zu screenen, so Khera in Chicago. 

Literatur

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