Onlineartikel 25.01.2016

Starb Martin Luther an den Folgen eines ACS?

Erkrankungen bzw. Todesursachen großer Persönlichkeiten sind nicht nur, aber auch, aus medizinhistorischer Sicht von besonderem Interesse. Neuere Quellen sprechen dafür, dass Martin Luther an einer KHK litt und an deren Folgen auch verstorben sein dürfte. Entgegen bisheriger Meinung dürfte er auch der erste KHK-Patient gewesen sein, der in einem Brief einen Angina-pectoris-Anfall anschaulich beschrieben hat.

Bisher galt der Engländer Edward Earl of Clarendon (1609–1674) als Erstbeschreiber eines Angina-pectoris-Anfalls. Er beschrieb 1632 die typische Symptomatik, über die sein Vater bei einem Besuch klagte: „a sharp pain in the left arm, for a half a quarter of an hour, or near so much, that the torment made him as pale…. as if were dead“.

Die erste Erwähnung der Angina pectoris in der medizinischen Literatur verdanken wir dem englischen Arzt William Heberden (1710–1801). Er beschrieb das Krankheitsbild folgendermaßen: „a painful and most disagreeable sensation located in the middle of chest frequently radiating into the left arm“.

Brief aus dem Jahr 1546 an Melanchton

Doch sind dies wirklich die ältesten Zeugnisse dieses Krankheitsbildes? Nach neueren Erkenntnissen wurde die Angina pectoris schon 100 Jahre früher sehr anschaulich beschrieben und zwar von keinem geringeren als Martin Luther (1483–1546). In einem Brief an Philipp Melanchton vom 1. Februar 1546 berichtet Luther darüber, was er während eines Spaziergangs bei kaltem Wetter in der Nähe von Unterrißdorf bei einer Reise von Wittenberg nach Eisleben, wo er in einem theologischen Disput zwischen dem Prince of Mansfeld und dem ortsansässigen Klerus vermitteln wollte, am 28. Januar 1546 verspürte: „Auf der Reise befiel mich eine Ohnmacht, und zugleich auch ein Herzanfall. Ich lief nämlich zu Fuß, aber es ging über meine Kräfte, sodass ich schwitzte. Weil danach durch den Schweiß auch das Hemd im Wagen durchkältet war, griff die Kälte einen Muskel des linken Arms an. Daher jene Beklemmung des Herzens und gewissermaßen das Fortbleiben des Atmens. Schuld daran ist meine Torheit, zu Fuß zu gehen. Aber jetzt fühle ich mich wieder ganz leidlich. Wie lange, das weiß ich nicht, weil dem Alter nicht zu trauen ist, zumal auch die Jugend nicht ganz sicher ist“.

Auf diesen Brief stießen Claudia und Peter Lanzer vom Gesundheitszentrum in Bitterfeld-Wolfen beim Besuch einer Ausstellung mit dem Thema „Luthers letzte Reise“ im Lutherstadt-Eisleben Museum, wie sie jetzt im European Heart Journal berichten. Drei Wochen nach diesem Ereignis, nämlich am 18. Februar 1546 verstarb Luther im Rahmen einer akuten Herzinsuffizienz nach mehreren erneuten Angina-pectoris-Anfällen, wie Augenzeugen berichten.

Literatur

Lanzer C, Lanzer P. Angina pectoris revisited, Exertional angina preceded Martin Luther’s last stretch of a final journey. Eur Heart J. 2016;37(3):215