Nachrichten 09.09.2022

Süßstoffe offenbar eher schädlich für Herz-Kreislauf-Gesundheit

Viele Menschen ersetzen Zucker durch Süßstoffe in dem Glauben, ihrer Gesundheit damit etwas Gutes zu tun. Einer aktuellen Studie zufolge scheint das aber eher das Gegenteil zu bewirken.

Eine regelmäßige Zufuhr von Süßstoffen scheint einer aktuellen Studie zufolge nicht gesund zu sein. Prospektive Daten der französischen NutriNet-Sante-Kohorte legen jedenfalls nahe, dass ein hoher Konsum solcher Zuckerersatzstoffe (vor allem Aspartam, Acesulfam-K und Sucralose) mit einem leicht, aber signifikant erhöhten Risiko für die Entwicklung kardiovaskulärer und zerebrovaskulärer Erkrankungen assoziiert ist.

Süßstoffe werden millionenhaft konsumiert

„Diese Befunde deuten an, dass Lebensmittelzusatzstoffe, die täglich von Millionen Menschen konsumiert werden und in tausenden Lebensmitteln und Getränken enthalten sind, nicht als gesunde und sichere Alternative zu Zucker angesehen werden sollten“, resümieren die Studienautorinnen und -autoren um Dr. Charlotte Debras von der Universität Paris. Diese Einstellung vertreten auch einige Gesundheitsorganisationen, fügen die Wissenschaftler hinzu.

Wie Debras und Kollegen ausführen, ist die Herstellung und Verbreitung von Süßstoffen ein riesiger Markt. Solche Ersatzstoffe seien in mehr als 23.000 Produkten weltweit enthalten, verdeutlichen sie das Ausmaß. Viele Menschen konsumieren sog. „Light-Produkte“, in denen gewöhnlicher Zucker durch Süßstoffe teilweise oder gänzlich ersetzt ist, in dem Glauben, ihrer Gesundheit damit etwas Gutes zu tun. Viele meinen etwa, dass solche Produkte beim Abnehmen helfen könnten.

Studien legen ungünstige Effekte nahe

Schon seit einiger Zeit betrachten Gesundheitsorganisationen den Konsum von Süßstoffen aber durchaus kritisch. Denn in experimentellen Studien haben diese Ersatzstoffe keine positiven Effekten, sondern in vielen Fällen sogar negative Auswirkungen auf bestimmte Gesundheitsparameter gehabt, z.B. auf Stoffwechsel, Entzündungsfaktoren oder das Mikrobiom. Des Weiteren hat sich in Beobachtungsstudien ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Light-Getränken und ungünstigen kardiovaskulären Risikofaktoren gezeigt. So kommt ein WHO-Report von 2022 zu dem Ergebnis, dass die Zufuhr von Süßstoff-gesüßten Softdrinks mit einem Anstieg an Gesamtcholesterin und einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck einhergeht.

Randomisierte Studien zu den Folgen eines regelmäßigen Süßstoff-Konsums auf harte kardiovaskuläre Endpunkte gibt es allerdings nicht, wegen ethischer Bedenken, wie Debras und Kolleginnen anmerken. Die Wissenschaftlerinnen griffen deshalb auf Daten der prospektiven NutriNet-Sante-Kohorte zurück, um die Assoziation zwischen Süßstoffen – und zwar jeglicher Quellen (also nicht nur Getränke, sondern auch Fertigprodukte und direkter Gebrauch) – und dem kardiovaskulären Risiko untersuchen zu können.

Große prospektive Kohorte aus Frankreich

Die NutriNet-Sante-Kohorte wurde 2009 in Frankreich ins Leben gerufen, mit der Intention, das Verhältnis zwischen Ernährung und Gesundheit wissenschaftlich fundiert klären zu können. Die Rekrutierung läuft noch immer. Erwachsene, in Frankreich lebende Bürger werden über diverse Kampagnen zur Teilnahme aufgerufen. Die Teilnehmenden sollen über eine spezielle Studienwebseite Angaben zu ihrem Ernährungsverhalten und zur körperlichen Aktivität machen. Daneben werden sie dazu angehalten, an drei verschiedenen Tagen alle während eines Tages zugeführte Speisen und Getränke aufzuzeichnen (über direkte Angaben, Fotos und Standardportion-Behälter). Energiegehalt und Nährstoffzusammensetzung, inkl. dem Süßstoff-Gehalt, werden erfasst bzw. abgeschätzt.

Für die aktuelle Analyse wurden die Dokumentationen der Süßstoff-Zufuhr mit den während des durchschnittlichen 9-jährigen Follow-up dokumentierten kardiovaskulären Ereignissen (Eigenangaben plus Datenbanken) in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse von 103.388 Personen flossen in die Auswertung ein (knapp 80% Frauen).

Leicht, aber signifikant erhöhtes kardiovaskuläres Risiko

In einem multivariaten Modell ging die insgesamt zugeführte Süßstoff-Menge mit einem leicht erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher (Hazard Ratio, HR: 1,09; p=0,03). In absoluten Zahlen: Die Inzidenz bei Menschen mit einem hohen Süßstoff-Konsum (im Mittel 77,62 mg/Tag) lag bei 346 Ereignissen pro 100.000 Personenjahren, bei Nicht-Konsumenten betrug sie 314 Ereignisse/100.000 Personenjahre. Insbesondere das Risiko für zerebrovaskuläre Erkrankungen war bei den Süßstoff-Konsumenten höher (HR: 1,18; p=0,002).

Unter den Süßstoffen waren Aspartam, Acesulfam-K und Sucralose mit der höchsten Risikozunahme assoziiert. Am häufigsten aufgenommen wurden Süßstoffe über entsprechend gesüßte Getränke (52,5%) und den unmittelbaren Gebrauch (30,2%).

Evtl. ein modifizierbarer Risikofaktor

Alles in allem sprechen diese Ergebnisse nach Ansicht der Studienautoren nicht dafür, Zucker durch Süßstoffe zu ersetzen, um die kardiovaskuläre Gesundheit zu fördern. Im Gegenteil: „Diese Ergebnisse deuten an, dass Süßstoffe ein modifizierbarer Risikofaktor für die kardiovaskuläre Prävention darstellen könnten“, schreiben sie in der Publikation im „Britisch Medical Journal“.

Allerdings sind Limitationen trotz diverser Adjustierungen (soziodemografisch, Lebensstilfaktoren, Ernährungsverhalten, inkl. dem Konsum von Fertigprodukten, usw.) nicht gänzlich auszuschließen. Anhand dieser Daten auf eine Kausalität zu schließen, sei deshalb nicht möglich, geben die Autoren zu bedenken. So könnte eine sog. reverse Kausalität vorliegen, in dem Sinne, dass z.B. übergewichtige Menschen mit bereits gesundheitlichen Problemen eher zu Light-Produkten greifen, weil sie abnehmen wollen. Das kann nach Einschätzung der Autoren die zu beobachtende Assoziation aber nicht völlig erklären, weil sie die in den ersten beiden Jahren aufgetretenen kardiovaskulären Ereignisse aus diesen Gründen nicht berücksichtigt und auf Baseline-BMI, Gewichtsveränderungen und Diäten adjustiert hätten.

Literatur

Debras C et al. Artificial sweeteners and risk of cardiovascular diseases: results from the prospective NutriNet-Santé cohort. BMJ 2022;378:e071204 | doi: 10.1136/bmj-2022-071204

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