Nachrichten 26.05.2015

Telemedizin: Wird Device-Fernabfrage zum neuen Standard?

Die Diskussionen um die Telemedizin in Deutschland drehen sich im Kreis. Anders in den USA: Die Heart Rhythm Society empfiehlt jetzt die telemedizinische Überwachung von Schrittmachern und Implantaten als neuen Standard.

Noch wenige Wochen, dann geht das Trauerspiel um die Erstattung der telemedizinischen Überwachung von kardialen Implantaten wie Schrittmacher und Defibrillatoren (ICD) in Deutschland in eine neue Runde. Denn dann tritt einmal mehr der Erweiterte Bewertungsausschuss von Ärzten und Krankenkassen zusammen, um einen Konsens über die Abrechenbarkeit dieser schon länger zur Verfügung stehenden Technologie zu finden.

Zuletzt hatten die Krankenkassen einen bereits recht weit gediehenen Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Anfang des Jahres in letzter Minute zurückgewiesen. Es sind aber nicht nur die Kassen, die bei der Telemedizin zögern: Auch die Bundesärztekammer erwähnt in ihrem gerade vom Ärztetag 2015 verabschiedeten Positionspapier „Ärztliche Priorisierung von Einsatzgebieten telemedizinsicher Patientenversorgung“ die Schrittmacher- und ICD-Überwachung nicht mit einem Wort.

Metaanalyse sieht Vorteile der Fernüberwachung

Bisher ist in Deutschland eine einmalige Device-Abfrage pro Quartal regulär abrechenbar. Diese Abfrage kann auch telemedizinisch erfolgen. Allerdings spricht eine Reihe von Studien dafür, dass ein kontinuierliches oder zumindest häufigeres Monitoring einer größeren Zahl von Parametern dem Patienten mehr nutzt. In diese Richtung deutet auch eine aktuelle Metaanalyse, die australische Rhythmologen jetzt in der Zeitschrift JACC publiziert haben [1].

Neun randomisierte, kontrollierte Studien wurden dafür ausgewertet, an denen 6.469 Patienten mit Schrittmacher oder ICD teilgenommen hatten, von denen 3.496 fernüberwacht wurden. Der Rest durchlief die übliche Präsenznachsorge alle 3 bis 6 Monate.

In der Gesamtauswertung waren die harten klinischen Ergebnisse des für die Patienten und auch für die Ärzte deutlich komfortableren Telemonitorings denen der Präsenznachsorge vergleichbar: Die Raten für die Gesamtmortalität, die kardiovaskuläre Mortalität und für Klinikeinweisungen waren bei den Telemonitoring-Patienten numerisch deutlich niedriger. Das statistische Signifikanzniveau wurde aber lediglich bei den nicht adäquaten ICD-Entladungen erreicht, die bei Fernabfrage um 45% seltener auftraten.

Die ausgewerteten Studien waren allerdings sehr unterschiedlich. Wurden lediglich jene drei relativ neuen RCTs analysiert, bei denen es eine tägliche Datenübermittlung gab, war die Gesamtmortalität bei Fernüberwachung um statistisch signifikante 35% geringer (OR 0,65; p=0,021). Wesentlichen Anteil an diesem Ergebnisse hatte die 2014 vorgestellte IN-TIME-Studie, bei der unter deutscher Leitung das Home-Monitoring-System des Berliner Herstellers Biotronik evaluiert worden war.

Neue Denkweise in den USA?

In den USA scheinen diese neueren Daten jetzt zu einem Umdenken zu führen, zumindest unter Rhythmologen. So hat die Heart Rhythm Society (HRS), die Fachgesellschaft der US-Rhythmologen, Ende April ein Konsensuspapier verabschiedet, das in der Zeitschrift Heart Rhythm publiziert wurde [2]. Es kommt zu dem Schluss, dass die Fernüberwachung bei Patienten mit kardialen Implantaten als neuer Standard angesehen werden sollte. Statt dass der Patient sich in festgelegten Zeitabständen in der Praxis vorstellt, sollten Praxisbesuche in der Regel nur noch dann erfolgen, wenn ein entsprechender Alarm dies nötig mache.

In eine ähnliche Kerbe schlagen James Freeman von der Yale University und seine Kollegin Leslie Saxon, Lehrstuhlinhaberin für kardiovaskuläre Medizin an der Keck School of Medicine an der University of Southern California [3]. Die beiden Kardiologen, die ebenfalls rhythmologische Wurzeln haben, plädieren dafür, durch entsprechende Formulierungen in den nationalen kardiologischen Leitlinien auf eine stärkere Nutzung der bisher auch in den USA noch nicht flächendeckend genutzten Fernabfrage hinzuwirken.

Literatur

1. Parthiban N et al. Remote Monitoring of Implantable Cardioverter-Defibrillators. J Am Coll Cardiol. 2015 May 8. doi: 10.1016/j.jacc.2015.04.029
2. Slotwiner D et al. HRS Expert Consensus Statement on Remote Interrogation and Monitoring for Cardiovascular Electronic Implantable Devices. Heart Rhythm. 2015 May 8. doi: 10.1016/j.hrthm.2015.05.008
3. Freeman JV, Saxon L. Remote Monitoring and Outcomes in Pacemaker and Defibrillator Patients; J Am Coll Cardiol. 2015 May 8. doi: 10.1016/j.jacc.2015.04.031